Ösitanisches

Österreich – Schweiz 7:5

Heute vor 64 Jahren, am 26. Juni 1954, fand die sogenannte »Hitzeschlacht von Lausanne« statt, nämlich das Viertelfinalspiel Österreich–Schweiz, welches als WM-End­run­denspiel mit den meisten Toren in die Fußballgeschichte einging.
Im Stadion Olympique in Lausanne hatte es 40°C im Schatten, und der öster­rei­chi­sche Tor­mann Kurt Schmied erlitt bereits in der ersten Viertelstunde einen Hitzekollaps und taumelte ori­en­tie­rungs­los vor seinem Tor hin und her, worauf die Schweizer binnen zehn Minuten drei Tore schossen. Da die Regel damals nicht erlaubte den Torhüter auszuwechseln, musste der Mann­schaftsmasseur hinter dem österreichischen Tor Aufstellung nehmen um den weg­ge­tre­te­nen Schmied während des restlichen Spiels durch Zurufe zu di­ri­gie­ren. Dennoch gelang es den Öster­reichern, binnen weiterer zehn Minuten fünf Gegentore zu schießen, sodass sie nach einem Anschlusstreffer der Schweizer zur Halbzeit mit 5:4 führten. Auch in der zweiten Spiel­hälfte blieben die Österreicher trotz ihres faktisch abwesenden Schlussmannes do­mi­nant, und so endete das Spiel mit einem 7:5-Sieg und dem bis heute be­ste­henden Rekord von zwölf Toren. Tormann Schmied konnte sich nach dem Spiel an nichts mehr erinnern, Öster­reich er­reich­te bei der WM 1954 den dritten Platz.
Heutzutage pflegt Österreich für gewöhnlich nimmer so hoch zu gewinnen.

(Lausanne 1954: Schweizer links, Österreicher v. rechts: Hanappi, Stojaspal, A.Körner, Koller, Wagner, Probst, Bar­schandt, R.Körner, Happel, Schmied, Ocwirk.)

21. Mai

(Allgemeine Automobil≈Zeitung, 1899)

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Heute vor 119 Jahren, am Pfingstsonntag, dem 21. Mai 1899, wurde die erste Motor­sport­ver­an­stal­tung in Österreich ausgetragen, das Exelbergrennen in Neuwaldegg im Wienerwald. Ver­an­stalter war der Oesterreichische Automobil-Club*) gemeinsam mit dem Neuen Wiener Tag­blatt. Es sei diese Veranstaltung, so stand damals zu lesen,

» [..] eine demonstrative Mani­festation des Automobilismus, wobei die Geschwindigkeiten der Automobile mittlerweile so groß geworden sind, sodaß man sich mit einem Ent­­ge­genkommenden gar nicht mehr unter­halten kann.«

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Sieger in der Kategorie A (Schnellfahren) wurde der Franzose Louis Gasté, vermutlich weil er die windschnittigsten Stiefel anhatte:

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(Die Exelbergstraße am Wiener Stadtrand ist bis heute unter Sonntags-Hobby­renn­fahrern als Renn­strecke beliebt, und deswegen als sog. “Organspender-Strecke“ berüchtigt.)

20. Mai

Heute vor 155 Jahren fand die feierliche Grundsteinlegung zum Bau der Wiener Staatsoper (vormals k.k. Hof-Operntheater) statt, obwohl die Bauarbeiten bereits zwei Jahre zuvor be­gon­nen hatten. Die Bauzeit dauerte bis 1869. Errichtet wurde sie nach den Plänen der beiden Architekten August Sicard von Sicardsburg und Eduard van der Nüll im Wiener Ring­stra­ßen­stil, einer besonderen Ausprägung des Historismus.
Zeitgleich wurde auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Heinrichshof erbaut, ein pri­va­tes Zinshaus riesigen Ausmaßes nach den Plänen ihres Konkurrenten Theophil Hansen, wel­ches indes schon nach zwei Jahren fertiggestellt war und nun die Monumentalität des ent­ste­hen­den Opern-Prachtbaus überschatten sollte, was zu Enttäuschung in der Wiener Öffent­lich­keit und einer garstigen Pressekampagne gegen die beiden Architekten führte.
Wie es sich für echte Wiener gehört, raunzten die bereits über das neue Opernhaus, bevor es überhaupt fertig war. Ein überliefertes Spottgedicht von damals lautete:

    »Sicardsburg und van der Nüll
    haben beide keinen Stül:
    Gotik, Klassik, Renaissanz
    das ist denen alles ans.«

Hinzu kam, dass das Ringstraßenniveau um das Bauwerk erst nach bereits erfolgtem Bau­be­ginn nachträglich um einen Meter angehoben wurde, sodaß dieses als “versunkene Kiste“ und als “Königgrätz der Baukunst“ heftig kritisiert wurde.
Van der Nüll nahm sich die bissige Häme so zu Herzen, dass er sich ein Jahr vor der Fer­tig­stellung der Bauarbeiten erhängte. Sicardsburg starb nur wenige Wochen nach dem Selbst­mord seines lebenslangen Freundes und Partners (heute würde man wohl sagen “Lebens­mensch“) an gebrochenem Herzen, was bestimmt mit dem Verlust und der erlittenen Krän­kung zu­sam­men­hing, sodass beide Architekten die Eröffnung des “Ersten Hauses am Ring“, mit einer glanzvollen Premiere von Mozarts Don Giovanni, nimmer erlebten.
Später wurde in Wien nach den Herren Sicardsburg und van der Nüll je eine Gasse be­nannt, wobei der Name Siccardsburg aber falsch geschrieben wurde.

15. Mai

Heute vor 63 Jahren, am 15. Mai 1955, wurde im Wiener Schloss Belvedere von den vier alli­ier­ten Besatzungsmächten USA, Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien sowie der öster­reichischen Bundesregierung – vertreten durch Bundeskanzler Julius Raab & Außen­mi­nister Leopold Figl – der Österreichische Staatsvertrag unterzeichnet und damit die Souverä­ni­tät Österreichs als eigenständige Nation wiederhergestellt. Die Russen, als durchaus trink­feste Spezies bekannt, wurden zu diesem historischen Anlass von den nicht minder trink­festen Öster­rei­chern unter den Tisch getschechert und in den Vertragsklauseln über den­selben ge­zo­gen, man kennt die Geschichte:


Figl: »Und jetzt, Raab – jetzt noch d’ Reblaus, dann sans waach!«
.(Karikatur v. Hanns Erich Köhler im Simplicissimus, 1955)

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Damit wurde Österreich der einzige europäische Verliererstaat, der nach Kriegsende auf ver­trag­lichem Wege frei von allen Besatzungsmächten wurde. Das Schicksal einer Aufspaltung in Ost- und Westzonen wie etwa DDR oder Berlin blieb Österreich und Wien erspart, und Figl konnte seinen legendären Satz ausrufen:

(Zeitungsmeldung, 16-05-1955)

(Tatsächlich rief er »Öfterreich ift frei!« – nicht »Österreich«, wie oben fälschlich kolportiert. Figl hatte einen Sprachfehler. Aber man verstand, was er meinte.)
Die Teilung Wiens in vier Besatzungssektoren der Alliierten nach dem Viermächte-Status en­de­te somit, und die pittoresken Vier im Jeep gehörten der Vergangenheit an.

2. Mai

Heute vor 683 Jahren, am 2. Mai Anno Domini 1335, kam Kärnten zu Österreich.
Weil die Bayern aus historischer Tradition auf die Österreicher stinkert waren, über­legte sich Kaiser Ludwig der Bayer, was er ihnen zufleiß tun könne und schenkte ihnen Kärnten. Der damalige österreichische Herzog Otto der Lustige fand das nicht so lustig, aber was soll man machen: wenn man vom Kaiser was geschenkt kriegt, kann man nicht einfach dankend ab­lehnen.
Seither müssen sich die Österreicher mit den Kärntnern abfretten, und umgekehrt. Aber mög­licherweise eh nimmer lang, bekanntlich gibts in Kärnten ja massive Auto­no­mie­be­stre­bungen.

8. April

Heute vor 117 Jahren, am 8. April 1901, fand in Wien das erste inoffizielle Länderspiel der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft statt, gegen die Schweiz. Da einige Spieler noch zur Schule gingen und Schülern dazumals, auch wenn sie schon 17 oder 18 Jahre alt waren, das Fußballspielen in Vereinen verboten war, traten diese unter Pseudonymen an und trugen aufgeklebte falsche Bärte, um nicht erkannt zu werden. Als Goalgetter tat sich »der G’stutze« Johann Studnicka hervor, der später zu einer der herausragendsten Per­sön­lichkeiten der öster­rei­chi­schen Fußballge­schichte wurde.
(Das Schweizer Nationalteam kam nicht, wie spöttische Zeitgenossen kolportierten, mit ihrem Mannschafts-Velo nach Wien angereist, sondern per Eisenbahn.)
Österreich gewann das sogenannte Ur-Länderspiel gegen die Schweiz mit 4 : 0.

Die österreichische Nationalmannschaft von 1901, einige Spieler mit aufgeklebten Bärten. Die Trikotfarben weiß/schwarz wurden für Auswärtsspiele bis heute beibehalten.

21. März – Der stärkste Mann der Welt

Heute vor 139 Jahren wurde Pepi Steinbach (1879-1937) ge­bo­ren, der stärkste Mann der Welt.
Steinbach stellte im Laufe seiner Karriere als Gewicht­heber nicht weniger als 35 Weltrekorde auf – eine Zahl, die für sich wiederum einen Weltrekord darstellt. Seine internationale Po­pu­larität, wie auch die seiner Athleten­kollegen – mit denen er etwa 1906 bei den Olympischen Spielen in Athen u.a. auch in der Disziplin Mann­schafts-Tauziehen (sic) antrat – brachte seiner Heimatstadt Wien seinerzeit den Ruf der »Stadt der starken Männer« ein. Beim Olympia-Finale im Ge­wicht­he­ben gegen seinen grie­chi­schen Konkurrenten wurde der Wiener Favorit aller­dings vom Publikum mit Steinen beworfen und musste seinen Rekordversuch abbrechen. Während der Grie­che als Olympiasieger gefeiert wurde, brachte Steinbach des­sen Rekordgewicht abseits des Podiums sechsmal(!) spie­lend zur Hoch­strecke. Daneben errang Steinbach auch als Ringer be­acht­li­che Erfolge. Nach Beendigung seiner Sport­ler­karriere betrieb »der starke Pepi« eine beliebte Likör­stube in Wien Erd­berg.

Sein Sohn Poldi Steinbach wurde später Eu­ro­pa­mei­ster im Boxen.
Josef Steinbach erhielt ein Ehrengrab auf dem Wiener Zen­tralf­riedhof.

Déjà-vu:

»Es wäre wünschenswert, wenn sich Politiker vor Amtsantritt einem Eignungsverfahren
unterziehen würden.«  (Othmar Hill, Personalberater)

Haha. Der war gut.
Den österreichischen Verkehrsministerposten in einer schwarz/blauen Koalitionsregie­rung je­weils den herausragendsten verkehrspolitischen Knallchargen zuzuschachern, ist seit Lü­gen­kanz­ler Schüssels legendärem Witzfigurenkabinett Tradition. Wer erinnert sich nicht an sol­che Typen wie etwa einen Teststrecken-Hubsi, den ver­kehrs­po­li­ti­schen Geisterfahrer, der sei­ner­zeit u.a. die originelle Schnaps­idee ausheckte, das altbewährte Tempolimit von 130 km/h auf Österreichs Auto­bah­nen abschaffen zu wollen. Jetzt prä­sen­tiert der aktuelle blaue Ver­kehrs­minister wie­derum die nämliche Schnapsidee, nimmer ganz ori­gi­nell:

Déjà-vu. Teststrecken-Berti..
Aber was außer halboriginellen Schnapsideen hätten Sie von einem blauen Verkehrs­mi­nis­ter sonst erwartet, etwa fachliche Eignung? Ich bitte Sie.

12. Dezember

Heute vor 98 Jahren wurde der populäre Wiener Volksschauspieler Fritz Muliar (1919-2009) geboren. Legendär ist seine erbitterte Fehde mit dem seinerzeitigen Burgtheaterdirektor Claus Peymann: um eine »Schangse« hatte der nämlich gefleht, der Piefkinese, »geben Sie mir eine Schangse!« – und wenn in Wien einer »Schangse« sagt, hat er schon ausgeschissen, eh klar. Herr Muliar kannte daher kein Er­bar­men, er beschied ihm:

    »Herr Peymann, schaun S’:
    mir sag’n net Schangse, sondern Schaus.
    Drum ham S’ bei uns ka Tschans net, also:
    schleich’n S’ Ihna z’haus!« *)

Keine Chance für Piefke Peymann. Wenn einer schon »Claus« mit »C« heißt statt Klaus, wie sichs in Wien gehört ..
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*) (»schleichen«, österr.: siehe*)

7. Dezember

Hermann Maier vulgo Herminator hat heute Geburtstag.
Nach seinem spektakulären Sturz in Nagano 1998 erklärte er vor der internationalen Presse, zur Behandlung von Prellungen bewähre sich vortrefflich Mankei-Schmalz (alpen­län­disch für Murmeltier-Fett) als probates Hausmittel.
Der Dolmetscher übersetzte das als monkey grease, und die daraufhin kolportierte Presse­mel­dung rief weltweit Empörung unter Tierschützern hervor:

    »In Österreich werden zu pharmazeutischen Zwecken Affen gekocht.«

3. November

Heute vor 99 Jahren, am 3. November 1918, wurde vor dem historischen Hinter­grund der rus­sischen Oktoberrevolution die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) gegründet und ist so­mit eine der ältesten kommunistischen Parteien der Welt.
Erste Aktion der frischgebackenen ösitanischen Towarischtschi war es damals, sich unterein­an­der sogleich einmal gehörig zu zerstreiten, wie sich das für eine ordentliche Partei gehört. Wes­halb ihre zweite Aktion unmittelbar nach Parteigründung, nämlich ein äußerst un­pro­fes­si­onell orga­ni­sier­ter (und überdies von den Sowjets nicht autorisierter) Putschver­such, na­tür­lich scheitern musste und binnen Stunden niedergeschlagen werden konnte.
Im politischen Geschehen spielt die KPÖ keine Rolle, ihr Wäh­ler­stim­menanteil liegt im ho­mö­o­pa­thi­schen Bereich. (Ihre Parteipa­role lau­tet sin­ni­ger­weise: »Mit uns nicht!«.)
(Fällt mir eine Episode aus meiner Heimatgemeinde ein: in Neulengbach kriegten die Kom­mu­nisten seit Jahrzehnten zuverlässig bei jeder Wahl eine einzige Stimme. Einer, Kummerl* ge­nannt, stand unter Verdacht, jener einzige KPÖ-Wähler zu sein, was der aber beharrlich ab­leug­nete und nie zugeben wollte. Einmal, um es herauszufinden, wettete der Neulengbacher Bahn­hofs­wirt mit Kummerl um hundert Schilling, dass die Kommu­nisten bei der nächsten Wahl zwei Stimmen statt nur einer kriegen, und Kummerl wettete dagegen. Also machte der Bahn­hofs­wirt sein Kreuzerl am nächsten Wahltag für die Kommunisten, damit die eine zweite Stimme kriegen – aber als die Sprengel­ergebnisse später in der Zeitung standen, hatten die wie­derum nur eine gekriegt: wie gewöhnlich. Kummerl kassierte seinen gewonnenen Hun­der­ter, und musste sich vom Bahnhofswirt anhören: »Du Verräter, für einen Hunderter verratest du deine Partei, du Judas.« – Kummerl indessen entgegnete: »Wieso denn? Hätten wir nicht gewettet, dann hätten die trotzdem nicht mehr Stimmen gekriegt als sonst, aber ich um einen Hun­der­ter weniger.« Dass er derjenige war, der sein Kreuzerl jahrzehntelang stets, nur dieses ein­zi­ge­mal nicht für die Kommunisten gemacht hat, hat er freilich weiterhin abge­stritten.)
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* (Kummerl = österr. für Kommunist).

12. Oktober

Heute vor 115 Jahren, am 12. Oktober 1902, fand das erste offizielle Länderspiel der Fuß­ball­geschichte auf dem europäischen Kontinent statt, welches Österreich gegen Ungarn mit 5:0 gewann.
Heutzutage pflegt Österreich für gewöhnlich nimmer so hoch zu gewinnen.

Die siegreiche cisleithanische österreichische Nationalmannschaft von 1902: ganz rechts am Foto der Wiener Johann Studnicka (1883-1967), der an diesem Tag seinen 19. Geburtstag feierte und drei der fünf Tore erzielte. Studnicka war ziemlich klein und stämmig (»der G’stutzte«) und hatte markante O-Beine, aber seine Anhänger erklärten, dass ihm sein Schnei­der bloß krumme Hosen gemacht habe. Er wurde zu einer der herausragendsten Per­sön­lich­keiten der österreichischen Fußballgeschichte und erhielt posthum den zwei­maligen Titel des Welttorjägers.

8. Oktober

Heute vor 89 Jahren kam der große österreichische Stänkerer Helmut Qualtinger (1928-1986) zur Welt. Die unersprießliche Allianz zwischen Beschränktheit und Mit­teilungseifer mancher Zeitgenossen kommentierte er mit dem schönen Satz:

    »Es gibt nix Schenas auf da Wöd
    ois wieran Fetznschedl zuahean wauna grod sei Pappm hoit.«

Kollege Krassnick hat Herrn Quasis Aperçu in einen hübschen Vierzeiler gefasst:

    Herr Qualtinger pflegt’ zu erklären:
    »Nichts Schöneres gibt’s auf der Welt
    als einem Schwachkopf zuzuhören
    wenn er gerad’ sein Maulwerk hält.«
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    © mit freundl. Genehmigung M.Krassnig.

Qualtinger war exzessiver Trinker. Als er einmal in seinem Stammcafé Alt Wien wie üblich »a Viertel!« bestellte, fragte ein neuer Ober, der ihn noch nicht kannte: »Weiß oder rot?« – und Qualtinger fragte zurück: »Seit wann gibts an roten Schligowitz?«
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(Legendär: Qualtingers Auftritt als “Eskimodichter Kobuk“.).

28. September

Heute vor 70 Jahren wurde Herbert “Ich-sage-es-in-aller-Klarheit“ Haupt geboren, einer der schrägsten Käuze in Lügen­kanzler Schüssels legendärem Witzfigurenkabinett.
Herr Haupt kasperte unter anderem als Witzekanzler & FrauenministerIn durch die öster­rei­chische Bundespolitik, wofür er zweimal das Große Goldene Ehrenzeichen der Republik um­ge­hängt kriegte. Für seine Verdienste um die Pflege der sinnentleerten Satzver­schach­te­lung wurde in zahllosen österreichischen Ortschaften eine Straße nach ihm be­nannt.

12. September

»Ich kann nur raten, den Gegner ernst zu nehmen,
auch wenn der Torwart eine Pudelmütze trägt.«
(Josef Hickersberger, 2003)

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Heute vor 27 Jahren fand in Landskrona/Schweden das denkwürdige Fußball-Länderspiel zur EM-Qua­li­fi­ka­tion zwischen den Färöer-Schafsinseln und Österreich statt, welches mit dem Er­geb­nis 1:0 für die Färöer endete – entgegen der zuvor von Stürmer Toni Polster auf­ge­stell­ten Pro­gnose eines zu erwartenden 10:0-Sieges für Österreich. Draufhin trat der öster­rei­chi­sche Nationaltrainer Josef Hi­ckers­berger zurück und verschwand in der Ver­sen­kung, aus der er indessen 15 Jahre später wie­derum hervortauchte: nämlich als – trara! – neuer öster­rei­chi­scher Nationaltrainer *).
Schuld an dem desaströsen Ergebnis war die weiße Pudelmütze des färöischen Torwarts, wel­che die österreichischen Spitzenstürmer gemäß deren übereinstimmender Aussage so massiv irri­tier­te, dass es ihnen nicht gelang ein Tor zu schießen.
Jene legendäre weiße Pudelmütze des Torwarts der schafsinsulanischen Amateurmannschaft, Jens Martin Knudsen (im Zivilberuf Gabelstaplerfahrer einer Fischfabrik), hatte des­sen Mut­ter gestrickt und wird seither im Nationalmuseum in Runavik als Staatsreliquie auf­be­wahrt. Pudel­müt­zen­träger Knudsen wird noch heute auf den Färöern als Nationalheld ver­ehrt.
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*) (In seiner zweiten Ägide als österreichischer Teamchef beschwerte sich Hickersberger vor dem Länderspiel Trinidad & Tobago gegen Österreich: »Das ist ja unfair: zwei gegen einen.«)

9. März

Heute vor 158 Jahren wurde Peter Altenberg (1859-1919) geboren, legendäres Parade­ex­em­p­lar des typischen Wiener Kaffeehausliteraten und Schnorrers.
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Altenberg verbrachte den größten Teil seines Lebens im Kaffeehaus, und wenn er einmal nicht im Kaffee­haus war, so hieß es, dann sei er grad auf dem Weg dorthin. Auf seiner Visitenkarte gab er als Adresse das Café Cen­tral an, auch seine Post ließ er sich dort hinschicken.
Schon sein Lehrer nannte den späteren Meister der lite­rarischen Skizze & fragmentarischen Kurzprosa ein »Genie ohne Fähigkeiten« – wie behauptet, sei er bei der Matura deswegen durchgefallen, weil er als Aufsatz über das Thema »Der Einfluss der Neuen Welt (Amerika) auf die Alte« nur ein einziges Wort hingeschrieben hatte: »Kartoffeln.«
Altenberg trat zeitlebens als vorgeblich mittelloser Schnor­rer auf, der sich von Kollegen und Gönnern finanziell aushalten ließ. (Um seine Mittellosigkeit zu illustrieren, lief er grundsätzlich in Holzsandalen ohne Socken herum, selbst wenn er als Theaterkriti­ker Vor­stellungen besuchte.) Einmal schrieb er an seinen Bruder ein Telegramm: »Bitte schicke mir 100 Kronen, habe mein ganzes Geld zur Sparkassa getragen und starre nun dem Hungertod entgegen.« Oder, als er seinen Freund Karl Kraus einmal um 10 Kronen an­schnorrte, dieser aber bedauerte nicht so­viel da­bei­zu­haben, da bot ihm Altenberg an: »Ich borg’s dir inzwischen, damit du mirs schnorren kannst.«
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Als nach Altenbergs Tod sein Testament bekannt wurde, stellte sich zum nicht gerin­gen Erstaunen heraus, dass der angeblich zeitlebens Mittellose auf diese Weise ein durchaus statt­liches Vermögen von über 100.000 Kronen auf der Sparkassa angehäuft hatte. Dieses hinterließ er zur Gänze wohltätigen Einrichtungen.

Heute lacht ÖSTERREICH

Freilich darf man den sog. »typisch österreichischen« Humor nicht mit dem typisch ÖSTER­REI­CHischen »Humor« verwechseln, und Österreich nicht mit ÖSTER­REICHs auf­la­gen­zweit­stärk­stem Verschenkwitzblatt, welches auf der Titelseite verkündet:
STERREICH)
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Schau mer halt, was diese Verschenkblatt-Flachgeister als »die besten Witze« kolportieren, über die »Österreich heute lacht«, z.B.:

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Über die Frage, wenn der einer der besten Witze vom Villacher Fasching sein soll, ob man dann die übrigen auch unbedingt kennen muss, ließen sich eventuell weiterführende hu­mor­kri­tisch-philosophische Betrachtungen anstellen, muss aber nicht sein.
(Selber kapier ich den Witz allerdings nicht: was ist die Pointe? Handelt sichs bei »nur nur« etwa um eine Ein­deut­schung der Villacher Faschingsparole »lei lei«? Oder falls nicht, worum sonst? Falls mir jemand den Witz erklären kann, danke.) (Muss aber auch nicht sein.)

25. Februar

Heute vor 870 Jahren fand die Bezeichnung Austria für Österreich erstmals ur­kund­liche Erwähnung, und seit damals wird Österreich mit Australien ver­wechselt.
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Austria = von altgerm. *austar, das bedeutet »Gegend im Osten, wo die Sonne aufgeht«*). Ex oriente lux.
(Von *austar leitet sich über althochdt. *ôstar- überdies auch der ältere Name Ostarrîchi für Österreich her. Andere Quellen behaupten hingegen, er stamme von ital. osteria ab, das be­deutet »Land, reich an Wirtshäusern«.)
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*) (Mittlerweile geht die Sonne nimmer in Österreich auf, weil die seinerzeit in Kärnten vom Himmel gefallen ist, wie in den Urkunden erwähnt ist. Deswegen ist es dort auch wärmer.)

29. November

Heute vor 125 Jahren erblickte der seinerzeitige österreichische Bundeskanzler (1953-1961) Julius Raab das Licht St. Pöltens. Raabs Volkstümlichkeit und Bodenständigkeit war legendär: täglich zur Mittagszeit sah man ihn zum Greißler ums Eck spazieren, um eine Knackwurst zu erwerben, welche er anschließend an seinem Schreibtisch im Kanzleramt zu verzehren pflegte. (Eine sogenannte »Beamtenforelle«. Heißt so, weil sie dem traditionell miserabel besoldeten österr. Beamten als ver­gleichsweise preiswerter Ersatz für den teuren Fisch diente, welchen er sich von seinem kargen Salär selten leisten konnte. Unlautere Fleischer pflegten das Brät zur Herstellung ihrer Knackwürste über Gebühr mit billigem Getreidemehl zu strecken.) Als Erz-Schwarzer – die ÖVP stand in enger Allianz mit der katholischen Kirche, von Säkularität war dazumals noch keine Rede – darauf angesprochen, ob es nicht unstatthaft sei auch frei­tags am kirchlichen Fasttag eine Wurst zu essen, rechtfertigte sich Raab:
»Knackwurst gilt nicht als Wurst, die gilt als Mehlspeis’.«
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Historisches Fotodokument: Julius Raab verzehrt eine Knackwurst.

18. Oktober: »Männer, die auf Krädern grüßen«

Der ÖAMTC ist als Nachfolgeverein des Oesterreichischen Automobil-Clubs einer der ältesten und heute mit beinah zwei Millionen Mitgliedern der siebentgrößte Auto­mobilclub der Welt.
Heute vor 62 Jahren, am 18. Oktober 1954, er­folgte die erstmalige Ausfahrt der ÖAMTC-Pan­nen­hilfefahrer, auf Mo­tor­rad-Bei­wa­gengespannen worin sie ihr Werkzeug mit sich führten.

Auslösend für die Idee zur Gründung eines mo­to­ri­sier­ten Pan­nen­diens­tes war damals ein Fischhändler, der seine Ware im Bei­wagen eines alten Krads auslieferte und an einem heißen Sommertag, um Hilfe an­su­chend, zu Fuß zur Club­werk­statt kam. Sein Motorrad hatte unterwegs ge­streikt und der Fisch­transport drohte in der Hitze zu ver­der­ben. Also machte sich ein Clubmechaniker mit seinem Pri­vat­auto­mo­bil auf den Weg, und es gelang das liegengebliebene Mo­tor­rad des Fisch­händ­lers wieder flott­zu­machen.
Zu den ersten Pannendienstfahrern, die wegen ihres »fliegenden« Re­pa­ra­tur­diens­tes so­wie der gelben Lackierung ihrer Fahrzeuge bald »Gelbe Engel« genannt wurden, gehörte da­zu­mals auch mein Schwiegervater, der beim ÖAMTC eine Lehre zum Auto­mo­bil-Me­cha­ni­ker ge­macht hatte. Einmal führte ihn sein Beruf zu einem Gastspiel in der Film­branche.
Die ÖAMTC-Pannenfahrer patrouillier­ten anfangs auf fixen Routen auf den meist­be­fahrenen Bun­des­straßen hin & her (damals gab es in Österreich noch keine Autobahn) und hielten Aus­schau nach Automobilisten, die zufällig irgendwo mit einer Panne liegengeblieben waren. War kein solcher anzutreffen, stell­ten sie sich irgendwo entlang der Strecke in gut sichtbarer War­te­po­si­tion auf und warteten darauf, ob nicht zufällig einer vorbeikam, der ihnen mit­teil­te dass er zu­fällig einen an­ge­troffen hätte, der irgendwo mit einer Panne liegengeblieben war.
Weiters hatten die Pannenfahrer die strikte Order, jeden, wiederhole: jeden vorüberfah­ren­den Autofahrer durch Salutieren zu grüßen, wie es mein Schwiegervater hier auf dem Foto de­mon­striert.
Freilich fuhren dazumals in einer Stunde grad soviel Autos vorüber wie heute in einer Minute. Man stelle sich vor, einer müsse heutzutags an einer Hauptverkehrsstraße jedem vor­bei­fah­ren­den Autofahrer salutieren – der täte wohl einen gehörigen Krampf im Arm kriegen ;)
Ab 1959 wurden die Beiwagen-Motorräder sukzessive außer Dienst gestellt und durch vier­räd­ri­ge Pannenhilfe-Fahrzeuge ersetzt: Steyr-Puch 500, die le­gen­dä­ren gelben »Renn­sem­meln«. (Mein Schwiegervater nannte sie »Regen­pe­le­ri­ne mit Lenkrad«.)

2. September

Heute vor 122 Jahren erblickte im galizischen Brody (heute Ukraine) der große öster­rei­chi­sche Schriftsteller Joseph Roth (1894-1939) das Licht der k. & k. Donau­mo­nar­chie.
Roth war in gleichem Maße glühender Monarchist und exzessiver Alkoholiker. 1939 traf er im Exil in Paris mit Otto von Habsburg zusammen, dem Sohn des letzten Kaisers von Österreich & Königs von Ungarn. Kaisersohn Otto war darüber besorgt, dass der halt­lose Alkoholkonsum den großen Dichter über kurz oder lang zu Tode bringen würde, deshalb ließ er ihn vor sich antreten und sprach ein Machtwort: in scharfem Ton befahl er Roth, augenblicklich mit dem Trinken aufzuhören.
Roth schlug die Hacken zusammen und rief: »Jawoll, Majestät!« – und rührte fortan keinen Tropfen Alkohol mehr an.
Kurz darauf starb er. Todesursache war der abrupte Alkoholentzug.

Etymologisches

Aus der Reihe: “Ösitanisch für Außerösische“

Bahöh, der = österreichisch für Krawall, Wirbel, Aufruhr, Radau, Streit;
an Botzn Bahöh mochn = viel Aufhebens, Lärm um nichts machen
a murds Bahöh = ziemlicher Tumult
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Herleitung: Bahöl, von jiddisch Bahel, rotwelsch Balhe = Lärm, Verdruß, Streiterei; mittel­he­brä­isch behãlã = Durch­ein­ander, Entsetzen
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(Vgl. auch: ungarisch balhé = Krawall, Stunk)
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[Quelle: H. Stern, Wörterbuch z. jiddischen Lehnwortschatz i. d. deutschen Dialekten].

Anmerkungen:
Ziemlich abwegig erscheint hingegen die Herleitung im DUDEN,und ist vermutlich unsinnig:

Ba­höl, der: großer Lärm, Tumult. Herkunft: zu mittelhochdeutsch behellen = über etwas hi­naus tönen, zu: hellen, althochdeutsch hellan = tönen  [*]

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Die Herleitungen von P. Wehle, Sprechen Sie Wienerisch?, beruhen zuweilen auf bloßen Mut­maßungen oder Hörensagen, wie er selbst einräumt:

Bahöö: Streit, Durcheinander, Lärm. Vielleicht aus dem Tschechischen, wo lt. mündlicher Mit­teilung pahel oder pahol soviel wie Krawall bedeutet; müßte Dialektwort sein, da es im Lexikon nicht aufscheint; jidd. palhe = Lärm; kommt vielleicht v. ung. páholni = prügeln;

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Der nämliche Unsinn steht auch auf Wikipedia:

Bahö, alternative Schreibweise: Bahöl. Herkunft aus tschechisch bahol = Krawall, ungarisch páholni = prügeln;  jiddisch palhe = Lärm.  [*]

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(Freilich hätte sich in Zeiten des Internet rasch herausfinden lassen, dass es das Wort »bahol« im Tschechischen überhaupt nicht gibt.)

27. August – Linguistisches

Aus der Reihe: “Ösitanisch für Außerösische“


Gerhard Berger vulgo Hättiwari hat heute Geburtstag, der »personifizierte Kon­junk­tivus Aus­triacus«, wie ihn Kollegin Thera hieramts trefflich tituliert.
Hättiwari (=“Hätte ich, dann wäre ich“) Berger ist bekanntlich Tiroler, und freilich unterschei­den sich die Flexionssuffixe beim Konjunktiv im Südmittel- sowie Süd­bairischen mitunter er­heb­lich vom Ost­mit­telbairischen, d.h. also:
.Waradara Gscheada, haßada Hädadiwaradi.*)

*) (Übers. f. Außerösische:
…..»Wäre er Niederösterreicher, hieße er “Hätterte ich, dann wärerte ich“.«)

Der halbe Präsident

Paul Watzlawick erzählt in Anleitung zum Unglücklichsein die Geschichte von der Mutter, die ihrem Sohn zwei Kra­wat­ten schenkt. Als er sie das nächstemal besucht, trägt er eine davon, aber die Mutter sagt gekränkt: »Ach, die andere gefällt dir wohl nicht.«
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Weil die Hälfte der Österreicher Van der Bellen gewählt hat, macht Österreichs bedeutendstes Volksinformationsorgan mit dem saudummen Titel auf: »Der halbe Präsident« und konstatiert, die andere Hälfte lehne ihn als Präsident ab.
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Das ist die gleiche Art saudummer »Äpfel & Bana­nen«-Ma­the­ma­tik, wie sie uns von Österreichs auf­la­genstärkster Ver­schenkpostille vorgerechnet wird: wenn sich 50 Prozent der Öster­reicher auf die Frage, ob sie lieber Äpfel oder Bananen mögen, für Bananen entscheiden, daraus das Resultat zu kon­struieren, die Hälfte der Österreicher »lehnt Äpfel ab«.

Die Stimme der Vernunft

Norbert Hofer-mit-durchgestrichenem-o Bun­des­prä­sident? (hab gedacht, Heinz Fischer wäre Bundes­prä­si­dent – hab ich was nicht mit­gekriegt?) Der sei die Stimme der Venunft, verrät Wahlkampfdicht­meis­ter Herbert K., und das überrascht freilich beträchtlich. Oder handelt sichs bei diesem Norbert Hofer-mit- durchgestrichenem-o etwa um einen andern als den­jenigen Norbert Hofer-noch-nicht-Bun­des­prä­si­dent, welcher über den grünen Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten Van der Bellen in St. Pölten sagte:
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»Wir brauchen keinen faschistischen grünen Diktator.«
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Faschistischer Diktator? Weiß der überhaupt wovon er da redet, wenn er von einem »faschis­ti­schen Diktator« redet? So einen saudummen Schmarrn redet keine Stimme der Vernunft da­her. So redet höchstens einer daher, der seine Vernunft daheim im Schrank ließ als er nach St. Pölten fuhr.
(»Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer« heißt eine Grafik von Goya. Der Schlaf der Ver­nunft gebiert ungeheuren Dumpfsinn, ließe sich ergänzen – z.B. wenn ein Norbert Hofer in St. Pölten spricht, ohne diese in Gebrauch zu nehmen.)

Zweierlei Maß

Dem Nobelpreisträger Konrad Lorenz wurde von der Universität Salzburg sein 1983 ver­lie­he­nes Ehrendoktorat aberkannt, weil man dort plötzlich draufgekommen ist, er habe sich die Ehrung durch Verschweigen seiner nationalsozialistischen und rassistischen Geistes­hal­tung »erschlichen«. (Was man sich in Salzburg unter »erschleichen« vorstellt, ist nicht ganz klar – hat Herr Lorenz etwa unter Vorspiegelung falscher Tat­sachen um die Ver­lei­hung des Eh­ren­titels antichambrieren müssen, oder kriegte er den ungebeten umgehängt?)
Übrigens: auch einem Herrn Reichskapellmeister Herbert von Karajan, nationalsozialistischer Ideologie und antisemitischer Gesinnung bekanntlich kaum abholder als ein Herr Lorenz, wurde von derselben Universität Salzburg 1978 gleichfalls ein Ehrendoktorat verliehen.
Über eine Aberkennung mit der nämlichen Begründung wurde im Fall des Salzburger Säulen­hei­li­gen bisher aller­dings noch nichts bekannt.

(Graugans & Verhausschweinung nach Konrad Lorenz, © Atelier Stuntstorch)

Appellatives

Aus der Reihe: “Ösitanisch für Außerösische“

Kollegin Etosha nimmt den Kommentar von Kollege gulogulo zu einem vorangegan­genen Ein­trag wiederum zum Anlass für erweiterte Ausführungen über das »reflexive Schleichen«.
Neben der appellativen Bedeutungsvariante »Verschwinde, Hau ab!« im räumlichen, sowie »Lass mich in Ruhe!« im kommunikativen Sinne – der an den Angesprochenen direkt ad­res­sierten Aufforderung, sich aus dem Wahrnehmungsbereich des Sprechers hin­weg zu verfügen – tritt der Imperativus Ösitaniensis »(Geh) schleich di« [schleiche dich; reflexiv] in pseudo-appellativer Variante in breitem Bedeutungsspektrum auf.
Im ösitanischen Idiom findet die Wendung »Schleich di!« bevorzugt als sekundäre In­ter­jektion Gebrauch, um etwa Überraschung, Verblüfftheit, ungläubiges Er­staunen, aber auch Be­stür­zung, Verärgerung, u.ä. zum Ausdruck zu bringen. Ob der Sprecher mit diesem Aus­spruch positive oder negative Emotion kundtut, lässt sich für den Zu­hörer aus der unter­schied­lichen Modulation der Tonhöhe & Klangfärbung sowie Deh­nung des Vokals erkennen.
– Kollegin Etosha führt als Dialogbeispiel an:

    »Ich hab fünf Tausender im Lotto gewonnen!«
    »Geh schleeeich di!«
    [Übers. f. Außerösische: »Nein, wirklich? Nicht zu fassen!«]

– Die nämlichen Vokabeln, jedoch unter variierter Betonung & Vokaldehnung, for­mu­lieren sich ebenso zur Beileidsbekundung:

    »Gestern ist mein Hund gestorben.«
    »Geh schleeich di!!«
    [»Ach, wie traurig. Das tut mir leid.«]

– oder zum Ausdruck des Entsetzens:

    »Unser Haus ist abgebrannt.«
    »Geh schleich di!!!«
    [»Mach keine Witze! Das ist ja schrecklich.«]

Mitunter richtet sich der pseudo-appellative Imperativ auch an ein imaginäres Gegen­über, indem der Ausrufer angesichts eines unerbaulichen Sachverhalts ungehalten in Monologform interjektiert,
– als Unmutsäußerung:

    »Geh schleich di!«
    [»Verflixt! So ein Mist.«]

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Kollege Hubbie bemerkt in einem Kommentar zu dem referenzierten Artikel überdies eine Tendenz des Imperativus Ösitaniensis ins vermeintlich Vulgäre, welche sich z.B. in der mit »Geh schleich di!« synonymen Interjektion »Geh, leck!« (auch: »Ja, leck!«) gleichfalls fest­stellen lässt. So mag es den außerösischen Zuhörer durchaus befremden, wenn der ösi­ta­nische Sprecher seine Verwunderung (Betroffenheit usw.) solcherart ar­tikuliert, indem er ihm ex­pres­sis verbis das (Arsch-)lecken aufträgt.
Wir kennen die Redensart aus der konkreten Fallbeschreibung des sogenannten Herr­gott­schnitzer-Syndroms:
Der Pfarrer gibt beim Herrgottschnitzer (*) eine Schmerzensmannfigur in Auftrag, und als er sie zum erstenmal sieht, da erscheint ihm der dargestellte Gesichtsausdruck zu­wenig leidend: der Herrgottschnitzer solle nachbessern. Also schnitzt der weiter an den Gesichtszügen, um sie noch schmerzverzerrter zu gestalten; der Pfarrer indessen ist noch immer nicht zufrieden. Der Herrgott­schnitzer schnitzt weiter und weiter an der Leidensmiene des Schmerzensmanns herum – bis er zuletzt resümiert:

    »Jo leck mi’n Oasch, jetzt lacht er.«
    [Übers. f. Außerösische: »Weniger wäre mehr gewesen.«]

Linguistisches

Aus der Reihe: “Ösitanisch für Außerösische“

In einem aktuellen Eintrag erinnert Kollegin Etosha an ihre seinerzeitigen, höchst lau­nigen Betrachtungen über den Conjunctivus Austriacus, die im Ostmittelbairischen endemische Varietät des Konjunktiv II (vulgo Irrealis).
Etymologisches
Ein Spezifikum des Conjunctivus Austriacus stellt der iterative Appendix im Flexions­suffix dar, drei Musterverben im betr. Konjugationsmodus zur Veranschaulichung:

  Standarddt.|Conjunct.AT|Aussprache
——————————————————————————————————————
 täte       täterte      dadad
 wäre       wärerte      warad
   ginge      gingerte     gangad

Einen hübschen Conjunctivus Austriacus in dreifacher Ausfertigung unter Gebrauch der oben angeführten Verben vernahm ich etwa vorm Wiener Apollo-Kino, als einer im Hinblick auf den nahenden Beginn der Vorführung seine Begleiterin mahnte:

    »I dadad sogn, ’s warad Zeit wauma sche laungsaum einegangadn.«
    [Übers. f. Außerösische:.»Ich würde sagen, es wäre höchste Zeit dass wir endlich hi­nein­gingen.«]

Typisch an dem Exempel ist überdies die semantische Relativierung der bestehenden Dring­lichkeit, welche sich für den unkundigen Rezipienten womöglich als Manifestation der berüchtigten “Wiener Gemütlichkeit“ missinterpretieren lässt. Tatsächlich ist das nicht der Fall, vielmehr pflegt in Form des ösitanischen Konjunktiv II nicht selten ein verklausulierter Imperativ daherzukommen. Einmal hörte ich zu, wie ein Lkw-Fahrer einen säumigen Kol­le­gen, der die Zufahrt zur Abladestelle blockierte, dazu anhielt sich unverzüglich von dannen zu verfügen:

    »Warad boidamoi Zeit wauns di sche laungsaum schleichn dadast.«
    [Übers. f. Außerösische: »Mach dich vom Acker, aber pronto!«].

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(siehe auch: Über den Optativus Viennensis).

4. September

Heute vor 190 Jahren kam in Ansfelden bei Linz Anton Bruckner (1824-1896) zur Welt, einer der bedeutendsten und innovativsten Komponisten seiner Epoche.
In Kontrast zu seinem genialen musikalischen Schaffen stand Bruckners persönliches Auf­tre­ten als reichlich einfältige, rustikale Type, was seine Zeitgenossen des öfteren befremdete. (Sein Kollege Gustav Mahler, von Bruckners musikalischem Genius und Bauern­tölpel­haf­tig­keit gleichermaßen beeindruckt, nannte ihn einen “gott­begna­de­ten Trottel“.)
Anlässlich der Verleihung des Franz-Josephs-Ordens wurde zum Gala-Diner zu Ehren des Komponisten dessen Leibspeise aufgetragen, Geselchtes mit Kraut & Knödel.
Bruckner, mit großem Appetit, haute tüchtig rein wie ein Futterknecht, und als ihn Seine Majestät der Kaiser amüsiert fragte ob etwa noch ein Nachschlag konveniere?, da lehnte Bruckner dankend ab: “Na, i kann nimmer mehr, sonst speib i mi an.“

Österreich: Geschichte einer Kolonialmacht

Haben Sie übrigens gewusst, dass Österreich einstmals eine Kolonialmacht war.
Anno 1777 wurde, gemäß dem Motto »A.E.I.O.U«, ein Landstück an der Maputo-Bucht in Mosambik/Südostafrika in kaiserlichen Besitz genommen, indem man es einem an­sässigen Stammeshäuptling abkaufte, eine Besatzung bestehend aus 10 (zehn) Mann stationierte und zur ersten österrei­chischen Überseekolonie erklärte. Leider gehörte das betreffende Landstück gar nicht dem Häuptling, sondern längst den Portugie­sen, welche es den Österreichern kur­zer­hand wieder wegnahmen.
Gleiches widerfuhr den Österreichern ein Jahr später, 1778, als sie den eingeborenen Insu­la­nern ein paar Nikobaren-Inseln abkauften, mit 6 (sechs) Mann besetzten und zu öster­rei­chi­schen Kronkolonien ausriefen: weil die pfiffigen Insulaner nämlich besagte Inseln zuvor längst an Dänemark verkauft hatten. Unverzüglich nahmen die Dänen den Ösis die Inseln wieder weg und schickten das sechsköpfige Kolonistentrüpplein heim nach Wien, wo sie sich beim Salz­amt darüber beschweren durften.
Damit endete Österreichs Auftritt in der Kolonialgeschichte.
(Zwar wurde in weiterer Folge, um 1783, noch in Betracht gezogen, die Insel Madagaskar zu er­obern, welche sich aber bei näherem Augenschein als zu groß & unübersichtlich erwies, wo­rauf­hin man von den Eroberungsplänen wieder Abstand nahm und diese so­zusagen im Ko­lo­nia­kü­bel landeten.)
(Die österr. Bezeichnung Koloniakübel für Abfallbehälter hat mit der glücklosen Kolo­nial­ge­schichte jedoch nix zu tun.)