Nostalgisches

5. Dezember

Heute vor 85 Jahren wurde mein Vater geboren, in Haida bei Reichenberg/Deutsch­böhmen (heute Liberecký kraj/CZ), leider starb er früh. Als 17-jähriger wurde er ein­gezogen, geriet in italienische Gefangenschaft, nach Kriegsende war eine Rückkehr in die Heimat nimmer mög­lich. Familienfotos zeigen ihn gleichgroß wie meine Brüder und mich, alle um die 1,80. In sei­nem Wehrpass stand aber, als er dazumals ein­rückte: Größe 1,70 – ein Halbwüchsiger noch, der in den Krieg ziehen musste und erst als Erwachsener wie­der­kam, wie viele damals. Als Staatenloser, und heimatlos.
Ich habe eine Messing-Armbanduhr von ihm geerbt, die er anno sei­ner­zeit von seiner Auto-Haftpflichtversicherung für fünfzehn Jahre unfallfreies Fahren gekriegt hatte, und einen Rasier­pinsel. Den Rasier­pinsel verwende ich noch immer, er schaut nimmer ganz neu aus, aber funktioniert noch tadellos.

Wir blättern im Fotoalbum


(Oma, Opa & die Brut der frühen Jahre)


Wie aus einer aktuellen Vergleichsstudie hervorgeht, liegt bei Gruppenaufnahmen mit mehr als acht abgebildeten Personen die statistische Wahrscheinlichkeit bei nahezu 100 Prozent, dass mindestens einer grad Grimassen macht.

17. Juli

Phoebe Snow hat heute Geburtstag, kennt die heutzutags eigentlich noch irgendwer? Mit der Ver­öffentlichung ihres Debut-Albums 1974 als 22-Jährige galt sie seinerzeit als große Ent­deckung und spielte bereits mit legendären Jazz-Größen zusammen, hier mit dem Saxo­pho­nisten Stan Getz (oder Zoot Sims?, bin mir nicht sicher):

Vielleicht nimmer die Art Musik, für die sich heute noch jedermann begeistert – aber, glaubt mir Leute: der perfekte Soundtrack, um damals in den 70er-Jahren dazu paar Räu­cher­stäb­chen anzuzünden & mit einem schönen sanftmütigen indische Fußkett­chen tragenden nach Patschuli riechenden Mädel beisammenzuliegen.

Olfaktorisches

Hab vor Jahren mal im 10. Wiener Hieb gewohnt, in der Hasengasse. (dieselbe Gasse, wo der Mundl daheim war :) Einmal komm ich von der Arbeit heim, steht vor dem Haustor die Funk­streife und drinnen am Gang zwei Polizisten und mein Nachbar, ein Iraner. Hat der im Stie­gen­haus massiven Ver­wesungsgestank wahrgenommen, der offenkundig aus der Parterre­woh­nung von der Frau Pribil dringt, und weil auf sein Pumpern hin keiner aufmacht die Polizei alarmiert: in dem Verdacht, da drin ist wer gestorben und bereits seit geraumer Zeit am Ver­wesen.
Die Polizisten tun auch nix anderes als pumpern, nur heftiger, und es dauert bissel länger bis die Frau Pribil aufmacht, die alte Dame hört nimmer gut. Aber sie ist augenscheinlich noch quietschlebendig, und hat Karfiolsuppe gekocht. Das wars nämlich, was der iranische Nach­bar draußen am Gang gerochen hat: Karfiol hat der nicht gekannt.
Sagt er mir später, er schätze die Österreicher und die österreichische Zivilisation – aber: »Wie können zivilisierte Menschen etwas essen, was so einen Gestank hat.«

Pizza Express

Les ich unlängst im SPIEGEL über den Milliardenpleitier Cevdet C., der die saftigste Immo­bi­lien­pleite seit Jürgen Schneider hingelegt hat, und stelle fest dass ich den von früher kenne – hab mit dem Mann seinerzeit mal “gemeinsame Geschäfte“ gemacht ;) Allerdings machte der damals noch nicht in Milliardenspekulanz, sondern zog erstmal eine kleine Callcenter-Klitsche für Pizza-Hauszustellung auf. Und wir Zustellfahrer lieferten die Pizzas mit unseren Privat­fahr­zeugen auf Werkvertragsbasis aus, was ich aber nicht mit dem Auto machte wie die andern Kollegen, sondern mit dem Motorrad – was im Wiener Großstadtverkehr wesentlich effizienter ist, wie man sich denken kann. Bastelte mir hinten aufs Topcase eine Halterung für die Thermobox, und ab geht die Post. (hatte eine 1992er BMW K 1100 RS damals, 16-Ventiler, 120 PS offen, von 0 auf 100 in 3,6 sec., echte Rakete.) So kam ich auf den doppelten Umsatz wie mit dem Auto, in der halben Zeit. Ein Stammkunde fragte mich mal:
»Sag, wie geht das bei dir zu: alle andern brauchen doppelt so lang, bei dir kommt die Pizza brennheiß daher wie grad aus dem Ofen, aber wieso ist der Käs’ und das ganze Belagzeugs immer nur auf einer Hälfte von der Pizza drauf ?«
Die Auswirkungen von Kurven-Fliehkraft auf ofenheißen Pizzabelag.

25. Juni

Carly Simon hat heute Geburtstag, was für eine Lady! Umwerfend. In den 70ern liefen die Mädels mit Carly-Simon-Fotos zum Friseur und wollten sich die gleiche Frisur nachmachen lassen. Und mal abgesehen von der Frisur, wenn man die Lady singen hört – warm ums Herz kann einem da werden:

Was für Mähne. Was für Zähne. Was für Stimme!

Postautobus

»Außen gelb und innen leer, so fahrt der Postbus hin und her.« sagten wir früher.
Zu Stoßzeiten aber fuhr der Postautobus bis etwa Mitte der 70er-Jahre mit Personen-An­hän­gern, vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch dran. Als Kinder stiegen wir immer im Anhänger ein, weil uns dort der Chauffeur nicht zurechtweisen konnte, wenn wir Krawall machten.
Neben der Personenbeförderung fungierte der Postautobus dazumals auch als sogenanntes »rollendes Postamt«: neben der Einstiegstür gab es einen Briefeinwurf (an manchen Bussen auch Briefmarken-Automaten), Paketsendungen konnte man direkt beim Postbus-Chauffeur aufgeben. Der Empfänger, den man vorher verständigte, brauchte bloß zur fahrplanmäßigen Ankunftszeit an der vereinbarten Haltestelle zu warten und kriegte das Paket dort ausgefolgt. Postservice bei der Post – das waren noch Zeiten.

Autoreferentielles

Als Kinder waren mein kleiner Bruder und ich mal im Schönbrunner Tiergarten, wir hatten Streit gehabt und waren bös aufeinander.
Wie wir so vor dem Affenkäfig stehen, sag ich bitterböse zu meinem Bruder:
»Der Aff’ da drin schaut dir ähnlich, der schaut aus wie dein Bruder!«
Unverzüglich widersprach mein Bruder:
»Nein, der schaut aus wie dein Bruder!«

Enchanté!

Als Kinder grüßten meine Brüder und ich eine Zeitlang ständig mit “enchanté!“, die Mutter sah es als kindliche Marotte an, die wir irgendwo aufgeschnappt hatten.
Tatsächlich hielten wir es aber wirklich für einen Gruß: sie war mal aus gewesen und rief beim heimkommen angesichts der Unordnung, die wir unterdessen im Kinderzimmer angerichtet hatten, “Wie’s da wieder ausschaut, he!“, was wir Kinder als Begrüßung interpretierten und phonetisch übernahmen – “auschauthe!“.

15. Juni

Heute vor 66 Jahren kam in Brooklyn/New York Harry Nilsson (1941-1994) zur Welt, leider starb er früh. John Lennon & Paul McCartney bezeichneten ihn als den besten amerikanischen Songschreiber überhaupt.
Midnight Cowboy (dt. Asphalt Cowboy), den mehrfach oscarnominierten & -prämierten Film mit Jon Voight in der Titelrolle und Dustin Hoffman als »Razzo Rizzo«, hat vielleicht nicht jeder gesehen, aber den Song aus dem Film kennt bestimmt jeder, ein Klassiker:

(Auto Reverse nannte sich das seinerzeit am Cassetten-Radiorecorder, hab mir den Song in Endlosschleife auf Cassette aufgenommen und beim Autofahren ungefähr eine Million mal hintereinander angehört.)

Wurm-Kugerln

Als Kinder hatten wir häufig Würmer, wir wuchsen auf dem Land auf, damals war das nix ungewöhnliches. Man entdeckte flagranten Wurmbefall, wenn man aufs Klo musste (Einzel­heiten ersparen wir uns hier), erstattete der Mutter darüber Meldung und wurde zur Apotheke um Entwurmungsmittel geschickt. Wurm-Kugerln hießen die, millimeterkleine picksüße Zuckerdragees, weiße und rote, wir liebten sie heiß. Die schmeckten einfach toll, wir ließen sie auf der Zunge zergehen, aber das Spannende daran war:  sie waren mit der Wurmmedizin gefüllt, und die schmeckte grauenhaft bitter, sobald sich die süße Zuckerhülle aufgelöst hatte, der grauslichste Geschmack aller Zeiten. Man kriegte ihn für den Rest des Tages nimmer aus dem Mund. Es war ein echter Thrill:  die Wurm-Kugerln so lang wie möglich auf der Zunge zu behalten, um nichts von dem tollen Zuckergeschmack zu verschenken, gleichzeitig den Moment nicht zu verpassen, wo man sie rechtzeitig runterschlucken musste, bevor bitteres Grausen den Kindermund erfüllte. Spannende Sache, ein echter Kick für Kids.

Oma locuta, causa finita

Als Kind ging ich mit meiner Oma öfters zur Sonntagsmesse. Die Predigt wurde mir meistens langweilig, ich raunzte: »Wie lang dauert die Predigt noch?« und die Oma sagte immer: »Die Predigt dauert so lang, bis der Pfarrer mit dem Reden fertig ist.« Ende der Durchsage.

Spezialisten

War früher mal Rettungsfahrer, hab’s selber erlebt: Notarzt wird gerufen, Mann hat rasende Schmerzen im Ohr, irgendein Insekt reingeflogen, Frau befürchtet dass er ihr vor Schmerzen überschnappt, wir hin. Als wir eintreffen ist der Mann tatsächlich knapp daran den Verstand zu verlieren, liegt in der Küche und strampelt mit allen Vieren und ballert den Kopf gegen den Fußboden, surreale Szene. (mir ist selber mal ein Käfer ins Ohr geraten, ich kenn die Art Schmerz: wenn dir so ein Tierchen am Trommelfell herumgeistert, man wird halb wahnsinnig. Hab damals auch vor lauter Nimmer-wissen-was-tun mit dem Kopf wo dagegen geballert, dadurch fiel der Käfer raus. Augenblicklich war der Schmerz weg.) Jetzt wir Spe­zi­alisten: zwei ausgebildete Sanitäter plus ein Notarzt, akademischer Mediziner, wir knien auf dem Patienten und fixieren seine Arme, Beine, Kopf um ihn ruhigzustellen, Notarzt linst ihm mit einem Okular ins Ohr und diagnostiziert Insektengeflatter darin, klaubt eine Pinzette aus seinem Notarztkoffer hervor und beginnt in dem Ohr herumzupfriemeln um flattern­des In­sekt zur Kapitulation zu bewegen, Insekt flattert unverdrossen weiter & Patient tobt umso hef­tiger, Operation erfolglos.
Neben der Frau in der Küche ein weiterer Zeuge der Szene, der Sohn der beiden, Finger in der Nase, Rotz läuft ihm raus. Irgendwann fragt der Junge:
»Warum leeren die dem Papa kein Wasser ins Ohr, damit das Tier ertrinkt.«
Stille. Eine Sekunde. Zwei. Die drei Spezialisten schauen dumm aus der Wäsche. Dann ver­langt der Notarzt nach Wasser, kriegts und flößt es dem Patienten ins Ohr: das wars dann, aus­ge­flattert – Patient ist von einer Sekunde zur nächsten schmerzbefreit. Das abgesoffene Insekt lässt sich abschließend mühelos mit der Pinzette aus seinem Ohr entfernen.
Der Junge war etwa sieben, acht Jahre alt.

Ösi–Daltons

In den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts trieb im wilden Westen des Wienerwaldes die berüchtigte Bande der Gebrüder N. (vulgo »N.-Buam«) ihr Unwesen. Zwecks Aufrechterhaltung des Land­frie­dens wurden die Bandenmitglieder einer nach dem andern dingfest ge­macht und eingeschult.