Nostalgisches

Pizza Express

Les ich unlängst im SPIEGEL über den Milliardenpleitier Cevdet C., der die saftigste Immo­bi­lien­pleite seit Jürgen Schneider hingelegt hat, und stelle fest dass ich den von früher kenne – hab mit dem Mann seinerzeit mal “gemeinsame Geschäfte“ gemacht ;) Allerdings machte der damals noch nicht in Milliardenspekulanz, sondern zog erstmal eine kleine Callcenter-Klitsche für Pizza-Hauszustellung auf. Und wir Zustellfahrer lieferten die Pizzas mit unseren Privat­fahr­zeugen auf Werkvertragsbasis aus, was ich aber nicht mit dem Auto machte wie die andern Kollegen, sondern mit dem Motorrad – was im Wiener Großstadtverkehr wesentlich effizienter ist, wie man sich denken kann. Bastelte mir hinten aufs Topcase eine Halterung für die Thermobox, und ab geht die Post. (hatte eine 1992er BMW K 1100 RS damals, 16-Ventiler, 120 PS offen, von 0 auf 100 in 3,6 sec., zischte ab wie eine Rakete.) So kam ich auf den doppelten Umsatz wie mit dem Auto, in der halben Zeit. Ein Stammkunde fragte mich mal:
»Sag, wie geht das bei dir zu: alle andern brauchen doppelt so lang, bei dir kommt die Pizza brennheiß daher wie grad aus dem Ofen, aber wieso ist der Käs’ und das ganze Belagzeugs immer nur auf einer Hälfte von der Pizza drauf ?«
Die Auswirkungen von Kurven-Fliehkraft auf ofenheißen Pizzabelag.

Postautobus

»Außen gelb und innen leer, so fahrt der Postbus hin und her.« sagten wir früher.
Zu Stoßzeiten aber fuhr der Postautobus bis etwa Mitte der 70er-Jahre mit Personen-An­hän­gern, vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch dran. Als Kinder stiegen wir immer im Anhänger ein, weil uns dort der Chauffeur nicht zurechtweisen konnte, wenn wir Krawall machten.
Neben der Personenbeförderung fungierte der Postautobus dazumals auch als sogenanntes »rollendes Postamt«: neben der Einstiegstür gab es einen Briefeinwurf (an manchen Bussen auch Briefmarken-Automaten), Paketsendungen konnte man direkt beim Postbus-Chauffeur aufgeben. Der Empfänger, den man vorher verständigte, brauchte bloß zur fahrplanmäßigen Ankunftszeit an der vereinbarten Haltestelle zu warten und kriegte das Paket dort ausgefolgt. Postservice bei der Post – das waren noch Zeiten.

Autoreferentielles

Als Kinder waren mein kleiner Bruder und ich mal im Schönbrunner Tiergarten, wir hatten Streit gehabt und waren bös aufeinander.
Wie wir so vor dem Affenkäfig stehen, sag ich bitterböse zu meinem Bruder:
»Der Aff’ da drin schaut dir ähnlich, der schaut aus wie dein Bruder!«
Unverzüglich widersprach mein Bruder:
»Nein, der schaut aus wie dein Bruder!«

Wurm-Kugerln

Als Kinder hatten wir häufig Würmer, wir wuchsen auf dem Land auf, damals war das nix ungewöhnliches. Man entdeckte flagranten Wurmbefall, wenn man aufs Klo musste (Einzel­heiten ersparen wir uns hier), erstattete der Mutter darüber Meldung und wurde zur Apotheke um Entwurmungsmittel geschickt. Wurm-Kugerln hießen die, millimeterkleine picksüße Zuckerdragees, weiße und rote, wir liebten sie heiß. Die schmeckten einfach toll, wir ließen sie auf der Zunge zergehen, aber das Spannende daran war:  sie waren mit der Wurmmedizin gefüllt, und die schmeckte grauenhaft bitter, sobald sich die süße Zuckerhülle aufgelöst hatte, der grauslichste Geschmack aller Zeiten. Man kriegte ihn für den Rest des Tages nimmer aus dem Mund. Es war ein echter Thrill:  die Wurm-Kugerln so lang wie möglich auf der Zunge zu behalten, um nichts von dem tollen Zuckergeschmack zu verschenken, gleichzeitig den Moment nicht zu verpassen, wo man sie rechtzeitig runterschlucken musste, bevor bitteres Grausen den Kindermund erfüllte. Spannende Sache, ein echter Kick für Kids.

Oma locuta, causa finita

Als Kind ging ich mit meiner Oma öfters zur Sonntagsmesse. Die Predigt wurde mir meistens langweilig, ich raunzte: »Wie lang dauert die Predigt noch?« und die Oma sagte: »Die Predigt dauert so lang, als bis der Pfarrer mit dem Reden fertig ist.« Ende der Durchsage.

14. Februar – Anno Schnee

Der überaus kalte und anhaltende Winter 1906/07 führte dazumals zu einer besonders er­­trag­rei­chen Eisernte, hier liest man darüber:

(Der Wienerwald-Bote, vorm. Neulengbacher Zeitung;
Unabhängiges Wochenblatt für Politik, Land≈ und Forstwirthschaft,
Gewerbe, Kunst und Literatur. Samstag, den 14. Februar 1907)
Das Eis wurde in großen Blöcken aus den vielerorts dafür angelegten Eisteichen gesägt, un­ter Sagscharten oder Strohdämmung zur Kälteisolierung in Keller­hallen eingelagert und in der warmen Jahreszeit zur Kühlung und insonders zur Bierbrauerei verwendet. In guten Eiskellern konnte sich das Eis bis zur folgenden Kältesaison halten. Um die Jahrhundertwen­de wur­de auch mit der in­dus­triellen Eiserzeugung begonnen. Als Kinder sahen wir noch in den 60er-Jahren öfters den Eismann, wenn er Haushalte und Gastwirtschaften mit Blockeis für die Eiskästen belieferte. Häufig wird der Kühl­schrank in der Umgangssprache heute noch Eiskasten genannt. Zahl­reiche Straßen- und Flurnamen erinnern allenthalben an die ehemaligen Eisteiche. Auch in Neulengbach gab es vorzeiten einen Eisteich, früher konnte man dort im Winter Eislaufen, später wurde er trocken­ge­legt und diente als Fußball­wiese.

Spezialisten

War früher mal Rettungsfahrer, hab’s selber erlebt: Notarzt wird gerufen, Mann hat rasende Schmerzen im Ohr, irgendein Insekt reingeflogen, Frau befürchtet dass er ihr vor Schmerzen überschnappt, wir hin. Als wir eintreffen ist der Mann tatsächlich knapp daran den Verstand zu verlieren, liegt in der Küche und strampelt mit allen Vieren und ballert den Kopf gegen den Fußboden, surreale Szene. (Mir ist selber mal ein Käfer ins Ohr geraten, ich kenn die Art Schmerz: wenn dir so ein Tierchen am Trommelfell herumgeistert, man wird halb wahnsinnig. Hab damals auch vor lauter Nimmer-wissen-was-tun mit dem Kopf wo dagegen geballert, dadurch fiel der Käfer raus. Augenblicklich war der Schmerz weg.) Jetzt wir Spe­zi­alisten: zwei ausgebildete Sanitäter plus ein Notarzt, akademischer Mediziner, wir knien auf dem Patienten und fixieren seine Arme, Beine, Kopf um ihn ruhigzustellen, Notarzt linst ihm mit einem Okular ins Ohr und diagnostiziert Insektengeflatter darin, klaubt eine Pinzette aus seinem Notarztkoffer hervor und beginnt in dem Ohr herumzupfriemeln um flattern­des In­sekt zur Kapitulation zu bewegen, Insekt flattert unverdrossen weiter & Patient tobt umso hef­tiger, Operation erfolglos.
Neben der Frau in der Küche ein weiterer Zeuge der Szene, der Sohn der beiden, Finger in der Nase, Rotz läuft ihm raus. Irgendwann fragt der Junge:
»Warum leeren die dem Papa kein Wasser ins Ohr, damit das Tier ertrinkt.«
Stille. Eine Sekunde. Zwei. Die drei Spezialisten schauen dumm aus der Wäsche. Dann ver­langt der Notarzt nach Wasser, kriegts und flößt es dem Patienten ins Ohr: das wars dann, aus­ge­flattert – Patient ist von einer Sekunde zur nächsten schmerzbefreit. Das abgesoffene Insekt lässt sich abschließend mühelos mit der Pinzette aus seinem Ohr entfernen.
Der Junge war etwa sieben, acht Jahre alt.

Ösi–Daltons

In den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts trieb im wilden Westen des Wienerwaldes die berüchtigte Bande der Gebrüder N. (vulgo »N.-Buam«) ihr Unwesen. Zwecks Aufrechterhaltung des Land­frie­dens wurden die Bandenmitglieder einer nach dem andern dingfest ge­macht und eingeschult.