Nostalgisches

Ghost Rider

Heute vor etlichen Jahrzehnten, am 3. Dezember Anno Neunzehnhundertschnee, fand in Neu­lengbach im schönen Wienerwald die Führerscheinprüfung statt, und nachtsüber hatte es einen Viertelmeter hoch geschneit. Also kriegten wir Prüflinge jeder eine Schneeschaufel in die Hand gedrückt und brachten den halben Vormittag damit zu, die Zufahrt zur Fahr­schul­ga­ra­ge freizuschaufeln, derweil sich der von der Bezirks­haupt­mann­schaft Sankt Pölten/Land an­ge­reis­te Führerscheinprüfer im Gasthaus Schab­schnei­der neben der Fahrschule bei einem Känn­chen Glühwein aufwärmte.
Das Fahrschulmotorrad war damals eine R68er BMW mit Seitenwa­gen, wie auf diesem Bild: im Fußraum des Seitenwagens waren zu­sätz­li­ches Kupp­lungs- und Fußbremspedal installiert, und darin saß der Fahr­leh­rer Herr Blüml im knöchellangen Ledermantel mit Flie­ger­haube und Sturm­brille (wie Abb. rechts) und assistierte uns hilfreich, als wir mit klammen Fin­gern ohne Finger­spit­zen­ge­fühl für Kupplungs- oder Brems­hebel zwei Run­den um den schneebedeckten Kirchenplatz kurvten.
Manche Fahrschüler wohnten weit auswärts in der Neulengbacher Umgegend und wurden von Herrn Fahrlehrer Blüml zur Fahrstunde von daheim abgeholt und hinterher wie­der dort ab­ge­setzt. Bei Schlechtwetter pflegte Herr Blüml das Beiwagenverdeck zuzuklappen und blieb darin sitzen, nachdem er den Fahrschüler daheim absteigen ließ und zuvor noch an­ge­wie­sen hatte, (am Fußhebel links am Motorrad) den zweiten Gang einzuschalten: Kupplung und Fuß­bremse konnte er ja mit seinen Fahrlehrerpedalen betätigen, und zum Lenker mit Gas­dreh­griff brauchte er nur mit der linken Hand beim Seitenfenster rauszugreifen. So ge­schah es nicht sel­ten, wenn er mit röhrendem Motor im zweiten Gang zur Fahrschule heimwärts fuhr, dass sich ent­ge­gen­kom­menden Straßen­ver­kehrs­teil­neh­mern der im Bilde unten dar­ge­stellte An­blick bot – und wenn dann einer bei der Neu­leng­ba­cher Gen­dar­me­rie aufgeregt Mel­dung er­stat­te­te, er habe grad ein fah­rerloses Bei­wa­gen­mo­tor­rad vor­über­brau­sen gesehen auf dem gar kei­ner drauf­saß, dann wusste man dort Bescheid: Ah, der Blüml fahrt grad von der Fahr­stund’ heim.


Fahrlehrer Blüml gibt den Ghost Rider (Symbolbild)

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(Beitrag zu Kollege Dominiks *.txt-Projekt: »Fingerspitzengefühl«)

18. November – Kategorisches

Heute vor 112 Jahren wurde der Wiener Theater- und Fernsehschauspieler Guido Wieland (1906-1993) geboren.

Meine Oma selig weigerte sich zeitlebens, so neumodernes Zeugs wie einen Fernseher beim Namen zu nennen. Radio hören hieß für sie Radio hören, und fernsehen hieß Radio schauen.

Kollege Trithemius berichtet hier über seine Frau Großmutter und deren Radio, und dass die Menschen im Werbefernsehen stets attraktiver erscheinen als in der Wirklichkeit.

Meiner Oma aber bereitete das Fernsehen eine überaus enttäuschende Erfahrung. Sie war eine glühende Verehrerin von Guido Wieland gewesen, dessen schöne klangvolle Stimme sie lediglich aus ihrem Radio kannte und die ihr so gut gefiel, dass sie sich den dazugehörigen Sprecher als den denkbar attraktivsten Mann vorstellte: wer so wunderschön sprach, der musste in ihrer Vorstellung auch ein wunderschöner Mann sein.
Als sie ihn aber dann zum erstenmal im Fernsehen sah (in einer Werbesendung für Tief­kühl­spi­nat, noch dazu), da war Guido Wieland ein relativ kleiner älterer Herr mit Brille und wenig Haaren, und meine Oma von seinem Aussehen maßlos enttäuscht – und somit das Idealbild, welches sie sich in ihrer Phantasie bis dahin von ihm ausgemalt hatte, ein für allemal ruiniert. Die Schuld für ihre bittere Enttäuschung schrieb sie dem Fernsehen zu, und fällte ihr kate­go­risches Urteil:

    »Es Radioschaun hod ka Guat’s ned.«
    (»Das Fernsehen hat nichts Gutes.«)

17. November

Gordon Lightfoot feiert heute seinen 80. Geburtstag, na sowas. In den Neun­zehn­hun­dert­acht­ziger-Jahren war er auf dem besten Weg, sich ins Nirvana zu saufen, hab gar nicht gewusst dass der noch am Leben ist. Alkohol konserviert anscheinend tatsächlich. (Lightfoot ist übrigens kein Künstlername, der heißt wirklich so.)

.. war sein bekanntester Hit, Anfang Siebziger. Hört man zuweilen noch, als Instru­men­tal­version degradiert zu Kaufhaus-Hin­ter­grund­musik oder auf  Tankstellen-Klos.

Was für eine Schnulze – fast peinlich zugeben zu müssen, dass man als junger Spund mal sämtliche Gordon Lightfoot-Platten im Regal hatte. Hab mir seinerzeit sogar extra einen Gold­fisch zugelegt um ihn »If You Could Read My Mind« zu nennen: weil ich fand der Song­titel wär ein so origineller Name für einen Goldfisch, dass es unbedingt einen geben müsse der so heißt.

19. Juni

Heute vor 82 Jahren kam Shirley Goodman (1936-2005) zur Welt, in New Orleans. Sie be­gann ihre Karriere als Rhythm & Blues-Sängerin, aber 1975 legte sie mit einer Studioband als Shirley & Company den ersten weltweiten Hit im Disco-Sound auf, und in diesem Jahr gab es zwi­schen Nashville und Podersdorf am Neusiedlersee keine Disco und keinen Wurlitzer, wo die Nummer nicht rauf und runter gespielt wurde.
Wer damals schon im discofähigen Alter war, erinnert sich bestimmt noch dran:
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(Background-Vocalist Jesús Álvarez, der auf dem Track so hingebungsvoll draufloskräht, änderte übrigens später seinen Vornamen auf Jason und wurde Pastor einer christlichen Erweckungssekte.)

Storia d’amore finita

.. aus der Reihe: »Dinge die man einmal besaß, um die einem heute nimmer leid ist« *)

Vor einigen drei Jahrzehnten besaß ich mal eine 1985er GILERA 250 NGR. Der Rotax Eintopf-Zwei­tak­ter brach­te aus lediglich einem Vier­tel­liter Hubraum immerhin 35 PS hervor, was ihr bei kaum 140 Kilo Tro­ck­en­­gewicht eine äußerst beeindruckende Be­schleu­ni­gung ver­­schaff­te: die zisch­te ab wie eine Ra­kete.

Nach zwei Saisonen aber wars mit meiner Liebe zu der temperamentvollen Italienerin vor­bei: extravaganterweise war die Drehschieberplatte zur Einlassventilsteuerung (ein sensibler Teil, häufig aus hochfestem Material wie Keramik oder Carbon) an der 250er-Gilera aus Alu­mi­nium, so batzweich wie Pasta al dente. Nachdem ich den Drehschieber binnen Zwei­jah­res­frist dreimal austauschen und zuletzt dafür gar bis Udine fahren muss­te, weil der Er­satz­teil in Österreich nimmer zu kriegen war, trennte ich mich von meiner ita­li­e­ni­schen Zwei­takt-Pri­ma­donna wieder, indem ich sie einem Bekannten verscherbelte den ich nicht be­son­ders gut lei­den konnte. Sollte der sich weiterhin mit ihren Allüren abfretten, ciao bella.
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*) (weil hieramts letzthin grad von »Zwiebackfräsen« die Rede war:)

7. September

Newark in New Jersey ist die Stadt in den USA, welche im Verhältnis zur Einwohner­zahl die meisten weltbekannten Künstler hervorgebracht hat.
Gloria Gaynor hat heute Geburtstag, die Queen des Disco-Sounds in den 1970ern. Auch sie stammt aus Newark.
Wer damals in der Disco war, der hat den Klassiker von 1975 noch heute im Ohr:  

12. August – Der Neulengbacher Bahnhofsstreit

Heute vor 157 Jahren wurde die Eisenbahnstrecke von Wien nach Salzburg/Reichs­grenze fei­er­lich dem Verkehr übergeben.
Proteste und Lobby-Interessen für & wider einen Bahnhofsbau gab es schon lange vor Stutt­gart 21, in Neulengbach an der Westbahn etwa schon seinerzeit unterm Kaiser.
Warum beim Bau der Westbahn durch die k.k. privilegierte Kaiserin-Elisabeth-Eisen­bahn­ge­sellschaft der Neulengbacher Bahnhof nicht in Neulengbach errichtet wurde, obwohl die Strecke direkt durch den Ort führt, sondern weit außerhalb auf einem Acker mitten in der Pampa, lässt sich heute nimmer feststellen. Am 12. August Anno 1860 wurde die Strecke Wien–Salzburg er­öff­net, und fast ein Vierteljahrhundert lang rauschten die Züge durch Neu­leng­bach hin­durch und blieben erst kilometerweit dahinter stehen. Und ebenso lang pilgerten die Neu­leng­bacher Honoratioren nach Wien zum Kaiser und antichambrierten zugunsten der nachträglichen Errichtung einer Haltestelle im Ortszentrum, und die Interessenvertretung der Neulengbacher Lohnfuhrwerker tat desgleichen, um dies zu verhindern: dass der Bahnhof so weit außerhalb lag, machte den erforderlichen Shuttle-Verkehr für die Fuhrwerkerlobby zu einem höchlichst einträglichen Geschäft. Anno 1882 wurde schließlich eine Haltestelle Neu­leng­bach-Markt im Ortszentrum errichtet, nachdem es bis dahin zu eifrigen Ausein­an­der­set­zun­gen und Zer­würf­nis­sen zwischen den Inter­essenparteien gekommen war.
Wasserwerfer kamen dazumals noch keine zum Einsatz, die wurden erst später erfunden.

Pepihacker

Im Kommentar zu einem Beitrag für sein Erzählprojekt »Die Läden meiner Kind­heit. Ein lite­ra­ri­scher Ausflug in eine ver­sun­ke­ne All­tagskultur« be­merk­te Kollege Trithemius die zuweilen kurios an­mu­ten­den Berufs­be­zeich­nun­gen aus der ost­mit­tel­bai­ri­schen Um­­­gangs­sprache, eine solche ist auch der Pepihacker:

Neben dem Branntweiner Ondra in der Neulengbacher Wienerstraße hatte der Ross­fleisch­ha­cker Sturzeis sein Geschäft. Zufällig findet sich bei Kollegin Jou­lu­puk­ki eine Aufnahme zweier solcher Geschäfte in der nämlichen Kon­stel­la­tion:


Branntweiner & Pepihacker, © mit freundl. Genehmigung Kollegin Joulupukki

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In den Nachkriegsjahrzehnten gab es zahlreiche Pferdefleischhacker, in Ostösterreich Pepi­ha­cker genannt. Die Be­zeich­nung kam wahrscheinlich daher, weil aus Schweif und Mähnen der ge­schlach­te­ten Tiere neben Ross­haarmatratzen und Polsterfüllungen auch kostengünstige Pe­rü­cken oder Toupets (österr.: “Pepi“) her­ge­stellt wurden. Be­mer­kens­wert, dass der Pepihacker auch Gigerer genannt wurde – eben­so wie die Pferde, welche ihm zur Verarbeitung zu­ge­führt wurden. Als Gigerer wurde also das zur Schlach­tung bestimmte Tier, gleichzeitig aber auch der Schlachter selber so be­zeich­net.
Beim Rossfleischhacker Sturzeis kauf­ten wir nicht ein, da mein Vater Holzkaufmann war und von den Bau­ern und Wald­ei­gen­tü­mern, die er beruflich besuchte, häufig Schlacht- oder Wild­fleisch heim­brachte. Aber zum Namenstag kriegten wir als Kinder 2 Schilling und durften uns was drum kau­fen, und ich lief damit zum Sturz­eis in die Wienerstraße und kaufte mir statt Naschkram eine Le­ber­käs­sem­mel. Erst wenn Du ein­mal einen heißen, dampfenden Ross­le­ber­käs direkt aus dem Back­ofen vom Pepihacker ge­ges­sen hast, weißt Du was eine De­li­ka­tesse ist.
Heutzutage werden in Österreich jähr­lich nur mehr wenige hundert Pferde ge­schlachtet und das selten gewordene Pferdefleisch, ehe­mals als Arme-Leu­te-Essen geringgeachtet, als Spe­zi­a­li­tät ver­kauft.
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(Kollege KrassNick hat übrigens mal hieramts einen launigen Vers über den Pepi­ha­cker vulgo Gigerer gereimt:)

    Für’s Pferd ist’s ein für allemal,
    was es zur Lebzeit war, egal:
    Ob Rennpferd, Ackergaul, Fiaker –
    am Ende geht’s zum Pepihacker.
    Ob Zirkusross, ob Lippizaner,
    am letzten Weg vorbei kommt kaner:
    Dem Weg, der zu der Stätte führt,
    wo Huftier wird zu Brät faschiert
    und transformiert, man ahnt’s indes,
    vom Gigerer zum Leberkäs.

(© mit freundl. Genehmigung M. Krassnig)

Branntweiner

Ein Beitrag zum nostalgischen Erzählprojekt, welches Kollege Tri­the­mi­us in seinem Teestübchen ausgerufen hat: »Die Läden meiner Kind­heit. Ein lite­ra­ri­scher Ausflug in eine ver­sun­ke­ne All­tagskultur«
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Branntweiner, vulgo Brandineser, gab es ehemals in Wien an jeder zweiten Ecke, heutzutags gibts nur mehr ganz we­nige, die letzten werden bald ausgestorben sein. Die Branntwein­schen­ken nann­ten sich hoch­tra­bend »Tee ū. Likörstube«, die Aus­schank­li­zenz zur Brannt­wei­ner-Kon­zes­si­on war ur­sprüng­lich auf (auch selber her­ge­stell­te) Spirituosen beschränkt: offenes Bier & Wein durf­ten nicht aus­ge­schenkt, warme Speisen keine angeboten werden.
Jeder Branntweiner hatte die gleiche Vitrine mit dem gleichen Standardsortiment auf der Budel stehen: ein hundertjähriges hartgekochtes Ei, ein Packerl Manner-Schnitten, eine Dose Sar­dellen­ringerl. Keiner bestellte jemals das harte Ei oder die Sardellenringerl, wahrscheinlich über­nahm es jeder Branntweiner mit der Geschäftsausstattung vom jeweiligen Vorgänger und der letzte nimmts ins Grab mit.
Eine populäre Wiener Branntweinstube führte seinerzeit auch »Der starke Pepi« Steinbach, ehe­mals vielfacher Weltrekordmeister im Gewichtheben.

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Auch in Neulengbach gab es früher einen Branntweiner, den Ondra in der Wie­ner­straße an der Hechtlbrücke. Schräg visàvis lag (und liegt freilich immer noch dort;) der Neulengbacher Friedhof, und morgens pflegten u.a. der Totengraber und seine Gehilfen in ihren schwarzen Kitteln und Gummistiefeln beim Ondra ein­zu­keh­ren um sich für ihr Tagwerk zu stärken, und mittags und abends wie­der­um um ihr tagsüber einvernahmtes Trinkgeld hin­zu­tra­gen.

Als Kindern wurde uns manchmal, wenn unerwartet Besuch kam, aufgetragen Sodawasser zu holen. Die Erwachsenen spritzten ihren Wein damit, und auch die Kinder kriegten zu solchen Anlässen ihr Himbeerwasser mit Soda, was es für gewöhnlich nur mit Leitungswasser gab. Mit pein­li­cher Achtsamkeit, sie nicht fal­len zu lassen, trugen wir die Si­phonflasche aus Glas (Abb. rechts) über die Hechtl­brücke, um sie drüben beim Ondra gegen eine ge­füll­te ein­zu­tau­schen. (Mitt­ler­weile wurden Häuser samt Ge­schäfts­lo­ka­len dort pla­niert und eine breite Schneise für die Durchzugsstraße quer durch den Orts­kern ge­schla­gen, wo der Haupt­ver­kehr un­ab­läs­sig vor­über­bret­tert – heute fiele es gewiss kei­nen Eltern mehr ein, kleine Knirpse mut­ter­see­len­allein los­zu­schi­cken und sie un­be­gleitet über­que­ren zu lassen.)
Das Pfand für die Sodawasserflasche kostete 2 Schilling, der Aufpreis für eine gefüllte 50 Gro­schen: die Leerflasche war somit wesentlich kostbarer als der Inhalt, daher unsere gebotene Vor­sicht beim hin- und heimtragen.
Die teils recht illustren Typen, welche beim Branntweiner Ondra als Stammpublikum ver­kehr­ten, stellten für uns Kinder stets ein Faszinosum dar, und öfters spendierte uns einer von de­nen in schnapsseliger Spenderlaune eine der hundertjährigen, unter der Stanniolfolie längst weiß­lich angelaufenen kleinen Bensdorp-Scho­ko­la­den, welche in der mit Lurchfilz (© Kol­le­gin Etosha) patinierten Vitrine auf der Schank­bu­del auslagen.

Milchgreißler und Fischhandler in Neulengbach, 60er-Jahre

Kollege Trithemius ruft in seinem Teestübchen zu einem Er­zähl­projekt auf: »Die Läden meiner Kind­heit. Ein lite­ra­ri­scher Ausflug in eine versun­ke­ne All­tagskultur«.
Da man auch hieramts gern der sentimentalen Nos­tal­gie an­heim­zu­hängen pflegt, ein Beitrag dazu:

Als Kinder wurden wir in den Sechzigerjahren von der Mutter zum Milchholen geschickt: mit den abgezählten Schilling und Groschen in der einen und der Milchkanne, welche es dazumals in jedem Haushalt eine gab (Abb. rechts), in der andern Kinderhand stiefelten wir los, um sie auf­fül­len zu lassen.
Milchgreißlerei und Fischhandlung in Neulengbach teilten sich, in ku­ri­o­ser Al­li­anz, ein ge­mein­sa­mes Geschäftslokal in der Wienerstraße: eine La­den­hälf­te war der Milch­ver­kauf, und gegen­über stand hinter seiner Budel der Fisch­hand­ler Herr Roth­wangl, der eine Gum­mi­schür­ze um­ge­bunden hatte und ein Kopftuch wie ein Pirat. Auf­grund der di­ver­gen­ten Feil­ge­bo­te innerhalb näm­li­cher Ge­schäfts­lo­ka­li­tät war diese von einer ein­zig­ar­ti­gen Ge­ruchs­misch­ku­lanz, so­zu­sa­gen einem ol­fak­to­ri­schen Cuvée, durch­weht.
Der Milchgreißler hieß Herr Böswarth und war, unserer kindlichen Einschätzung gemäß, min­destens hundert Jahre alt, er trug stets einen kakaobraunen Arbeitskittel und als Kopf­be­de­ckung einen abgetragenen, oben zu einem Dutt verknotenen Nylon-Damenstrumpf, welchen ge­wiss seine verblichene Frau ihm hinterlassen hatte. Wozu er die extravagante Strumpf­haube auf­hatte, ahnten wir Kinder freilich nicht: vermutlich diente sie als hygienische Maß­nah­me, damit wäh­rend seiner Ab­füll­ma­ni­pu­la­ti­onen kein un­ver­se­hens herabfallendes Kopf­haar in die zu ver­kaufende Milch geriet.
Milchgreißler gibts heutzutags schon lang keine mehr. Wo in den Sechzigerjahren Herrn Bös­warths Milchgreißlerei nebst Herrn Rothwangls Fischhandlung war, befindet sich heute ein Na­gelstudio.

7. März – Im Telephonmuseum

Heute vor 140 Jahren, am 7. März 1876, erteilte das US-Patentamt Herrn Alexander Graham Bell ein Patent auf seine Erfindung, den sogenannten Telephonapparat. Seinerzeit wurde Herrn Bells Erfindung aller­dings keine große Zukunft vorhergesagt: das Telephon, so las man in der Presse, werde sich in der Allgemeinheit vor­aus­sicht­lich nicht durchsetzen, da es ohne­hin genügend Boten­jungen gebe, um Nach­rich­ten zu übermitteln.

»In den Anfangszeiten der Fernsprechtechnik war es dem Benutzer eines Telefones nicht möglich, eine bestimmte Telefonverbindung zu einem anderen Anschluss selbst auf­zu­bauen. Um eine Verbindung zu bekommen, musste man die Vermittlungskraft im Fern­sprech­amt (umgangssprachlich das „Fräulein vom Amt“) mittels Betätigen eines Kurbel­in­di­ka­tors „wecken“ (dies war tatsächlich der offizielle Ausdruck für diesen Vor­gang). Dem Ver­mitt­lungs­personal teilte man sodann mündlich seinen Verbindungs­wunsch mit, wo­rauf dieses per Handvermittlung die Verbindung aufbaute.«  (Wikipedia)

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Am 29. April 1913 aber wurde von der Fa. Siemens & Halske in Spandau der Nummernschalter mit Fingerlochscheibe für den Selbstwählbetrieb zum Patent angemeldet, Abb. rechts: manche junge LeserInnen werden solcherlei antikes Artefakt in natura wahr­schein­lich gar nimmer kennen. Damit begann das Zeitalter der Selbstwähltelefonie.

Drei Jahre zuvor waren die ersten Astronauten auf dem Mond gelandet, aber bis ins Jahr 1972 gehörte Neulengbach im schönen Wienerwald zu den letzten Sprengeln im österreichischen Post-Telefonnetz, welche auf den Anschluss an den Selbstwählverkehr warten mussten. Bis da­hin hatten wir daheim ein schickes Kur­beltelefon ohne Wählscheibe, wie in Abb. links – noch Anfangs der 70er-Jahre, nicht gelogen. Wenn man jemanden anrufen wollte, musste man zuerst kurbeln, worauf sich das Fräulein vom Amt meldete. Der sagte man sodann die Nummer an, mit der man telefonieren wollte, und draufhin stöpselte sie die Verbindung zum gewünschten Teilnehmer durch. Wenn wir als Kinder beim Neulengbacher Postamt vorbeigingen, konnten wir durchs Fenster das Fräulein vom Amt mit ihren Kopfhörern sehen, wie sie da drinnen emsig am Klappen­schrank herumstöpselte. (Kennen Sie die Szene aus den alten Lassie-Schwarz­weiß­filmen? ;)
Das allerletzte österreichische Fräulein vom Amt war indessen ein Mann, am 14. Dezember Anno 1972 stellte er in Karlstein/Thaya im Waldviertel die letzte Telefon­verbindung durch manu­elles Stöpseln her.

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(Als ich mir unlängst ein neues Handy anschaffte und dem Verkäufer-Jungspund er­zählte, dass mein erstes Handy noch eine Antenne zum rausziehen hatte, da schaute der mich an als käme ich geradewegs aus dem Kuriositätenkabinett. Das mit unserem Neulengbacher Kur­bel­telefon aus der Prä-Wählscheiben-Ära hätte der mir bestimmt nicht geglaubt.)

14. Februar – Anno Schnee

Der überaus kalte und anhaltende Winter 1906/07 führte dazumals zu einer besonders er­trag­rei­chen Eisernte, hier liest man darüber:

(Der Wienerwald-Bote, vorm. Neulengbacher Zeitung;
Unabhängiges Wochenblatt für Politik, Land≈ und Forstwirthschaft,
Gewerbe, Kunst und Literatur. Samstag, den 14. Februar 1907)

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Das Eis wurde in großen Blöcken aus den vielerorts dafür angelegten Eisteichen gesägt, unter Sagscharten oder Strohdämmung zur Kälteisolierung in Keller­hallen eingelagert und in der warmen Jahreszeit zur Bierkühlung verwendet. In guten Eiskellern konnte sich das Eis oft bis zur folgenden Kältesaison halten. Um die Jahrhundertwende wurde auch mit der in­dus­triellen Eiserzeugung begonnen. Als Kinder sahen wir noch in den 60er-Jahren öfters den Eismann, wenn er Haushalte und Gastwirtschaften mit Blockeis für die Eiskästen belieferte. Häufig wird der Kühl­schrank in der Umgangssprache heute noch Eiskasten genannt. Zahl­reiche Straßen- & Flurnamen erinnern allenthalben an die seinerzeitigen Eisteiche. Auch in Neulengbach gab es einen ehemaligen Eisteich, früher konnten wir dort im Winter Eislaufen, später wurde er trocken­ge­legt und diente als Fußballwiese.


Klothhosen

Kollege Heinrichs Text gab den Anlass, sich mit vom Aussterben bedrohten Wörtern für eben­solche Kleidungsstücke zu befassen.

Erinnert sich noch wer an die Klothhosen aus der Turnstunde? Die schwarzen Turn­ho­sen mit dem unvermeidlich ausgeleierten Ein­zieh­gummi, aus Kloth, einem billigen dünnen Baum­woll­tex­til (von engl. cloth = [Tuch-]Stoff, die Bezeichnung clothes für Bekleidung leitet sich da­von her), die seinerzeit in Kombination mit Feinripp-Ruderleiberl und solchen Turnpatschen die Standardad­jus­tie­rung im Turnunterricht waren, als der noch Leibeserziehung hieß.
Einige der Bauernkinder, mit denen wir zur Volksschule gingen, trugen die aber ständig, zur Turnstunde ließen sie einfach ihre Hosen runter und zogen sie danach wieder über die Klothhosen an. Sie trugen die schwarzen Klothhosen traditionell als Untergatti (österr. für Unterhose, vermutlich von ung. gatya=Hose), sommers anstelle kurzer Hosen ohne was darüber. Jene bau­ern­kin­der­li­chen Kloth­ho­sen pflegten, so wurde gemunkelt, grundsätzlich niemals gewechselt, son­dern lediglich bis­weilen ge­wen­det zu werden, was ihnen im Lauf der Saison beidseitig eine rustikale Patina ver­lieh.
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Da fällt mir überdies der zünftige Bauernschwank mit der Unterhose ein:
Ein Bauer fährt in die Stadt, um sich eine gute Hose zu kaufen. Als er seine Hose auszieht, um die neue anzuprobieren, bemerkt der Verkäufer, dass er darunter keine Unterhose anhat. Ob er nicht eine kaufen wolle, rät er dem Bauern, aber der kennt sowas nicht: Unterhose? fragt er, wofür solle sowas gut sein. Der Verkäufer erklärt ihm, so eine Unterhose trage man weil sie erstens warm sei, und zweitens wäre das eben hygienisch. Der Bauer lässt sich überreden, er kauft eine und behält sie gleich an.
Als er heimfährt, überkommt ihn die Notdurft, hinterm Gebüsch lässt er die Hose runter und hockt sich hin, um sein Geschäft zu verrichten. Als er fertig ist und hinter sich blickt, von seinem verrichteten Geschäft aber nichts zu entdecken ist, da fällt ihm die Unterhose ein und er denkt sich beeindruckt: Allerhand, des is wirklich hygienisch.
Und als er aufsteht und seine Hose wieder hochgezogen hat, stellt er überrascht mit Behagen fest: Und warm is fei a!
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(Beitrag zum alphabetischen Schreibprojekt von Kollege Wortmischer.)

Tante Jetta in der Kombinesch

Kollege Heinrich schreibt hier über vom Aussterben bedrohte Wörter, namentlich für ein dem Aussterben anheimgefallenes Bekleidungsstück.
Ein solches ist u.a. auch die im Österreichischen so genannte Kombinesch [mit Betonung auf dem e, »Kombinähsch«].

Als Kinder wohnten wir in einem Mehrparteienhaus. Im Garten stand eine Klopfstange, es gab nur einen gemeinschaftlichen Teppichpracker im Haus, den sich die Mietparteien jeweils un­tereinander aus­liehen. Besagter Teppichpracker fand im Bedarfsfall auch Verwendung zur Maß­re­ge­lung un­ar­ti­ger Kinder, je nach Schwere des Vergehens wurde damit dem min­der­jäh­ri­gen De­lin­quen­ten in mütterlicher Strenge eine zuvor festgelegte Anzahl von Schlägen auf den Hintern verabreicht. Dies tat nicht allzusehr weh und war nicht weiter schlimm, sondern ent­sprach halt den traditionellen Ge­pflo­genheiten land­läu­fi­ger Kindererziehung.
Schlimm für uns Kinder war hingegen die damit einhergehende Demütigung, wenn sich der Tep­pich­pracker grad in Verwahrung durch andere Hausparteien befand und wir geschickt wurden, ihn auszuleihen: freilich wussten die stets, welcher Verwendungszweck diesem also zugedacht war, wenn wir mit dem Ansuchen um Herausgabe desselben auf der Matte standen obwohl draußen augenscheinlich kein Teppich über der Klopfstange hing. »Was hast’n leicht an­ge­stellt?« prackte die unausweichliche Frage erbarmungslos auf den kleinen Sünder her­nie­der, und darauf Ant­wort geben zu müssen empfanden wir als über die Maßen schmachvoll. Der noch zu er­war­ten­den körperlichen Züch­ti­gung kam in sol­chen Mo­men­ten nur mehr ge­rin­ge Bedeutung zu.
Jetzt aber zum Thema: einmal hatte ich irgendwas angestellt und wurde zum Tep­pich­pracker­holen zu Tante Jetta geschickt, einer Frauensperson in mittleren Lebensjahren, welche unter uns wohnte und zwar keine Tante war, aber von uns so genannt wurde. Tante Jetta pflegte zur warmen Jah­reszeit in Haus und Gar­ten ganz ungeniert le­dig­lich in Kom­bi­nesch bekleidet zugange zu sein, kein ungewohnter Anblick. Als ich damals aber bei ihr anläutete, da hörte ich von drinnen »Momenterl, ich muss mir erst was anziehen,« und als sie die Tür öffnete, da hatte sie einen Büstenhalter angezogen, näm­lich über der Kombinesch, die hatte sie darunter an. Nun habe ich von jenem bizarren Anblick dazumals durchaus keine Kind­heitsneurose ab­gekriegt oder wäre darüberhin etwa schwul geworden usw., aber unvergessen ist er mir ge­blie­ben: Tante Jetta, wie sie ihren Büstenhalter sozusagen als Oberbekleidung über der Kom­bi­nesch trug – wogegen ich mich an ihr Gesicht kaum mehr erinnere.
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(Beitrag zum alphabetischen Schreibprojekt von Kollege Wortmischer.)

5. September

Heute vor 69 Jahren kam in Glasgow/Schottland der gleicher­maßen brillante wie notorisch erfolglose Musiker Al Stewart zur Welt, heut­zutags kennt den wahrscheinlich eh kaum mehr einer. Damals aber, Ende 70er-Jahre, als wir mit einem Schlaf­sack, einer Zahn­bürste und ein paar hundert Schilling in der Tasche über den Land­weg quer durch Iran, Afghanistan, Paki­stan ins gelobte Land Indien trampten und uns wie die Könige der Welt fühlten, damals hörten wir ständig den Song:

On the Border. Ich werd heut noch sentimental, wenn ich den Song wieder höre – weil er der Soundtrack zu unserm damaligen Lebensgefühl war. Als wir Grenzen noch mit einer Un­be­fan­gen­heit überschritten, die uns längst abhanden gekommen ist.

2. Oktober

Heute vor 68 Jahren wurde Don McLean geboren, der Balladen-Softie der 70er-Jahre mit seinen unvergesslichen Paarungs tanz-Klassikern (dazumals “Lamourhatscher“ ge­nannt ;)    
Was der rätselhafte Text von American Pie zu bedeuten habe, sei­nem erfolgreichsten & bis heute zig-fach gecoverten Millionenhit, wurde McLean gefragt, und antwortete: »Er bedeutet, dass ich nie mehr zu arbeiten brauche.«

9. September

Missis Dione LaRue hat heute Geburtstag, besser bekannt als Dee Dee Sharp. Geboren in Philadelphia, wurde sie eine der mar­kan­testen Interpretinnen des Phillysound in den 70ern. Erinnern Sie sich noch an den guten alten Phillysound? Ist auch schon wieder bissel länger her:

19. März

Heute vor 108 Jahren fand das erste Slalom­rennen der Schigeschichte statt, nämlich am Muckenkogel bei Lilienfeld, Niederösterreich. Veranstalter war Herr Mathias Zdarsky, Er­finder der sogenannten »Lilienfelder Skilauf-Technik« und damit des al­pi­nen Schilaufs.
Hätten Sie gewusst, dass der alpine Schisport im schönen Traisental, mitten im niederösterreichi­schen Most­viertel erfunden wurde?
Lilienfeld wurde im folgenden zu einem beliebten Win­ter­sport­gebiet, als Kinder fuhren wir im Winter sonn­tags mit den Eltern häufig zum Schifahren auf den Mucken­kogel.

8. Jänner

Lady Shirley Bassey, Dame Commander of the British Empire, hat heute Geburtstag. Schau mer mal, was wir in der Schallplattenkiste finden – da hätten wir eine von 1973, seinerzeit ein riesen Hit, als mancher Leser-Opa hieramts noch ein Milchbubi war und manche junge Leserin erst ein Glitzern in den Augen ihres Vaters:

1. Dezember

Heute vor 85 Jahren kam in Chicago der Soulsänger Lou Rawls (1933-2006) zur Welt, sein un­verwechselbares Timbre wurde beschrieben als »sweet as sugar, soft as velvet, strong as steel, smooth as butter«.
Seinen Klassiker von 1977 hört man noch heutzutags zuweilen im Rundfunk, und wer Öster­reichisch spricht und dazumals schon alt genug war um in die Disco zu gehen und dem engen Paartanz zu frönen, der weiß auch noch was ein »Lamourhatscher« ist:

Wo ist der Pepi?

Mein Vater kam als junger Spund nach Österreich und arbeitete als Lehrling in einem Säge­werk. Jeden Montagmorgen wurde in der Küche der Arbeiterunterkunft ein riesen Topf Malz­kaffee zu­be­rei­tet, der die ganze Woche über auf dem Herd stehenblieb und täglich neu auf­ge­wärmt wurde, aus dem sich die Ar­bei­ter mit einem Schöpflöffel ihre Häferl anfüllten. Einer der Arbeiter besaß einen Käfigvogel namens Pepi, der nach Joseph Goebbels benannt war, weil er seinen Schnabel immer so weit aufriss. Eines Montags war der Pepi aus seinem Käfig aus­ge­flogen und blieb verschwunden. Erst als gegen Ende der Woche der Malzkaffee am Herd zur Neige ging, fischte einer mit dem Schöpf­löffel den toten Pepi aus dem Kaffeetopf, wo­rin er sich seit Montag befunden hatte.

Badetag

Am Samstagabend vor 50 Jahren setzt die Mutter den großen Wäschetopf mit Wasser auf den Herd. Das Backrohr steht offen, damit es in der Küche warm wird. Wenn das Wasser heiß ist, wird die Volksbadewanne aus der Abstellkammer hervorgeholt und in der Küche aufgestellt:


Wenn die Kinder in der Wanne zu hohe Wellen machen, gibts ein Gepritschel auf dem Küchenboden und Ärger mit der Mutter.

12. Juni – Vatertag

Mein Vater war früher ein ausgesprochen fescher Kampel, ein humorvoller, groß­herziger und überaus fleißiger & anständiger Mensch. Leider starb er früh und lernte seine Enkelkinder nimmer kennen, er wäre bestimmt ein fabelhafter Opa gewesen.

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Wie mein Vater damals in den Fuffziger-Jahren meine Mutter kennenlernte: meine Mutter war in Hart am Kohlreith in der Einschicht daheim, eine Stunde Fußmarsch von Neulengbach im Wienerwald den Berg hinauf. Im Winter schulterte mein Vater seine Schi und marschierte zum Schifahren auf den Kohlreithberg, als er vor sich eine junge weibliche Person erblickte, die sich mit einem offenkundig ungeheuer schweren Koffer durch den Neuschnee plagte. Mei­ne Mutter hatte sich von ihrem ersten selbst­verdienten Geld eine Singer-Nähmaschine ge­kauft, ein elendsschweres gusseisernes Trumm, und schleppte sie grad heim. Mein Vater holt sie ein und geht eine Zeitlang neben ihr und hört ihr beim Schnaufen zu, bis er schließlich fragt: »Ist der Koffer wirklich so schwer, oder tun Sie nur so?« – »Probieren S’ doch selber!« schnauft ihn meine Mutter wütend an, und mein Vater schnappt ihren schweren Näh­ma­schi­nen­koffer und schleppt ihn, seine Schi auf der andern Schulter, hinauf bis nach Hart am Kohl­reith, wo er zuletzt selber vor Erschöpfung schnauft. Als er wieder zu Atem gekommen ist, verabreden sie sich zu einem Wiedersehen.
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(*.txt-Projekt von Kollege Dominik)

Fliegender Ziegelstein

.. aus der Reihe: “Dinge die man einmal besaß, um die einem heute noch leid ist“ (III)

Als Sporttourer ist die legendäre BMW K 1100 RS bis heute unübertroffen: liegender 16-Ventil- Vierzylinder-Einspritzer (»fliegender Ziegelstein«*), Trockengewicht nur 250 kg, ungedrosselt an die 120 PS, Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 3,6 sek., ABS serienmäßig, verstellbares Sportfederbein nachgerüstet. (Zum Pizzaausliefern allerdings bissel übermotorisiert.)
Meine Tochter fuhr leidenschaftlich gern mit, und als sie einmal einen dieser Goldwing-Typen sah, der den Straßenverkehr mit seiner Bord-Stereoanlage aufmischte, fragte sie: »Wieso haben wir kein Radio am Motorrad. Und CD-Player.« – Na weil das grober Unfug ist, sag ich, selber hört man unterm Helm von der Musik eh nix und dem Rest der Welt geht man damit auf die Nerven. Aber: Kindes Wunsch ist Vater Befehl, also installierte ich im Topcase eine Radio-CD-Anlage mit einem Satz 30-Watt-Boxen und meterlanger Antenne, und fortan wurde die Welt mit Fräulein Tochters Lieblings-CDs beschallt, wenn sie mitfuhr.

Bedauerlicherweise schoss mich eines Morgens ein unachtsamer Autofahrer von rück­lings ab, als ich grad vor einer roten Ampel stand, was mich auf seiner Kühlerhaube landen ließ und meine schöne BMW unter einem Autobus der Linie 13A, welcher von rechts kam und grad grün hatte. Eine herzhafte Steißbeinprellung bescherte mir zwar eine Woche auf dem Bauch schlafen und im Stehen essen sowie ein saftiges Schmer­zensgeld von der Versicherung, aber die BMW erwischte es leider schlimmer, die war hin. Der Anprall war so heftig gewesen, dass die Hinterradfelge und sogar die Kardan­welle verbogen waren, und der Vorderradgabel hatte der Bus den Rest besorgt. Das Ende einer Legende, um das gute Stück ist mir heute noch leid.

Kinderfoto-Content ..

.. gehört sich ja schließlich für eine anständige Brieftasche, nicht­wahr, und für ein anständiges Blog.
Sieht die Trafikantin gestern beim Zahlen das Kinderfoto in meiner Brieftasche, und sagt: “Ihre Tochter? Mei, ist die lieb. Kann ichs sehen?“ – Stolzer Papa hält Brieftaschenfoto unter Trafikantinnennase, sie fragt: “Wie alt ist sie denn?“
“Zweiundzwanzig,“ sag ich – und sie: “Schon bissel älteres Foto.“
Äh, stimmt eigentlich, schon länger nimmer upgedatet. Da sieht man, wie lang ich die Brieftasche schon hab.

Sunburst, halbakustisch

.. aus der Reihe: “Dinge die man einmal besaß, um die einem heute noch leid ist“ (II)

Anfangs 80er-Jahre besaß ich einen halbakustischen E-Bass, ein un­de­finierbares Fabrikat mit klassischen F-Löchern und schicker Sunburst-Lackierung. Der Hals war verzogen, und ich ersetzte ihn durch einen neuen Ibanez-Hals, den ich zurechtfeilte und in den Korpus einpasste. Ein Unikat von erlesener Schönheit, und nahezu unspielbar.
Wir waren eine eher unbedeutende Kellerband, aber immerhin ver­schaffte uns eine Agentin eine zweiwöchige Tournee mit zehn Auf­tritten in der Schweiz, und ein Konzert in der Zürcher Roten Fabrik kriegte sogar hervorragende Kritiken in der Lokalpresse. Ich war da­mals zum erstenmal in der Schweiz und stellte über­rascht fest, dass die Schweizer uns offenbar für eine Art exotische Hinterwäldler hiel­ten und ihrerseits überrascht waren, dass den Österreichern bereits der elektrische Strom bekannt war und wir mit Elektro-Instru­men­ten Musik machten.
Kurz danach ruinierte ich mir einen Nerv am Handgelenk und konnte deswegen nimmer spielen. Der E-Bass verstaubte über die Jahre in einer Ecke, und irgendwann verscherbelte ich ihn samt Steelphon-Röh­ren­ver­stärker zum Liebhaberpreis. Heute ist mir um das schöne alte Stück leid, wenn ichs noch hätte, würde ich es an der Wohn­zimmerwand überm Sofa aufhängen.

Alter Schwede

.. aus der Reihe: “Dinge die man einmal besaß, um die einem heute noch leid ist“ (I)

Gestern sah ich wieder so ein Schweden-Möbel fahren, noch mit original schwarzen Kenn­zei­chen­tafeln, in alter Grandezza. Erich Honecker hatte so einen (mit Velours­sitzen), und ge­nau­so einen hatte ich auch mal, aber mit Ledersitzen:
Volvo 764 GLE Bj.’82 (2,8 l Sechszylinder-Einspritzer 156 PS, Direktionsfahrzeug chauffeur­gepflegt, Kilometerstand 180.000) – Auto gesehen und gekauft, ein echter Glücks­treffer: 1988 angeschafft um 60.000,- Schilling und weitere 100.000 Kilometer damit zurückgelegt, ohne Probleme. Fünf Jahre später Frontalschaden, abgeschossen von juvenilem Golf GTI-Piloten – Schadenssumme überstieg Zeitwert, somit leider als Totalschaden zu bewerten. Was für ein Jammer. Um das Auto ist mir heute noch leid.

(Sitze & Rückbank aus noblem schwedischen Rindsleder kriegten unten Sockelgestelle dran­geschweißt und stehen bis heute bei meinem Schwager im Wohnzimmer als Sitz­garnitur. Die 15-Zoll-Alufelgen hab ich noch immer im Keller liegen.)

Heute reproducieren wir eine aviatische Jupeculottin

»Die Debatten über die „jupe≈culotte“ füllen jetzt die Spalten der Blätter. Man spricht von der neuen Mode wie von einer „europäischen Gefahr“, und tatsächlich ist es in verschiedenen Städten, wie Paris, Madrid, oder Turin, zu regelrechten Straßendemon­strationen gekommen, als sich Damen im „Höschenrock“ ins Freie wagten.«
(Allgemeine Automobil-Zeitung, 1911)

5. Dezember

Heute vor 85 Jahren wurde mein Vater geboren, in Haida bei Reichenberg/Deutsch­böhmen (heute Liberecký kraj/CZ), leider starb er früh. Als 17-jähriger wurde er ein­gezogen, geriet in italienische Gefangenschaft, nach Kriegsende war eine Rückkehr in die Heimat nimmer mög­lich. Familienfotos zeigen ihn gleichgroß wie meine Brüder und mich, alle um die 1,80. In sei­nem Wehrpass stand aber, als er dazumals ein­rückte: Größe 1,70 – ein Halbwüchsiger noch, der in den Krieg ziehen musste und erst als Erwachsener wie­der­kam, wie viele damals. Als Staatenloser, und heimatlos.
Ich habe eine Messing-Armbanduhr von ihm geerbt, die er anno sei­ner­zeit von seiner Auto-Haftpflichtversicherung für fünfzehn Jahre unfallfreies Fahren gekriegt hatte, und einen Rasier­pinsel. Den Rasier­pinsel verwende ich noch immer, er schaut nimmer ganz neu aus, aber funktioniert noch tadellos.

Wir blättern im Fotoalbum


(Oma, Opa & die Brut der frühen Jahre)


Wie aus einer aktuellen Vergleichsstudie hervorgeht, liegt bei Gruppenaufnahmen mit mehr als acht abgebildeten Personen die statistische Wahrscheinlichkeit bei annähernd 100 %, dass mindestens einer grad Grimassen macht.