Apostrophisches

30. September – Hieronymustag

Heute ist der Internationale Übersetzertag*, nämlich am Todestag des Heiligen Hieronymus, Schutzpatron der Dolmetscher & Übersetzer.

Übersetzungen stechen mitunter durch grobe Unsinnigkeit hervor, inbesondere als Resultat hirnlosen Übersetzens von englischen Pressetexten: so werden dann etwa »billions« zu »Bil­lionen«, »alien life forms« zu »Aliens« und »50.000 troops« (= Soldaten) zu »50.000 Truppen«.

Oder die unausrottbare uralte Wiedergänger-Nummer mit dem »vice president«, ..

.. der kein »Vizepräsident« sondern Abteilungsleiter ist, und darum nicht »Vizechef« sondern Chef der Beschaffungsabteilung.

Klassische Beispiele für gravierend sinnentstellende Übersetzungsfehler finden sich unter­des­sen be­reits im Buch der Bücher, wo aus dem aramäischen Urtext etwa ein Seil (“gamta“) zu ei­nem Kamel (“gamla“) fehlübersetzt wurde, welches seither sprichwörtlich durchs Nadel­öhr geht.

Selbst kleine Fehler können große biblische Wunder bewirken: etwa dann, wenn »er [Jesus] ging an den See« stattdessen als »ging auf dem See« [Mt 14,25] übersetzt wird.
(Kollege KrassNick reimt über besagtes Seewunder übrigens die launigen Verse:)

    Es rief die Menge: »Seht,
    ein Wunder!
    Über den See Genezareth
    schreitet der Herr, und geht
    nicht unter!«
    Über das Wasser schritt der Herr.
    (Doch allerdings verriet er der
    verblüfften Menge später:
    »Das Wasser war ja, bittesehr,
    eh nicht so tief: im Schnitt nicht mehr
    wie fuffzehn Zentimeter.«)
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    © mit freundl. Genehmigung M. Krassnig

KaKaDu der Woche: Poriginelles

Wen lassen die bei “ZackZack – postideologisches Medium für kritische und in­vestigative Bericht­erstattung über Politik, Medien und die wirtschaftliche Elite des Lan­des“ eigentlich die Überschriften-Kalauer aushecken, einen Elfjährigen? Und welche Leserschicht wollen die mit derlei kindischen Kaspereien eigent­lich als Zielgruppe ansprechen, Elfjährige oder Zurückgebliebene?
Dafür gibt’s auch diesmal wieder den KaKaDu der Woche (Abb. links), für den “Kin­der­gartenadäqua­testen Kalauer-Dumpfsinn“.

Papa locuta, oder: »HIER rechnet einer ab«

BILD macht auf mit »Deutschlands oberstem Sprachlehrer Wolf Schneider«:

»Wolf Schneider (97) hält den Gendersprech für Unsinn. HIER rechnet Schneider in BILD ab mit der „Genderei“: «

Unbestritten gilt der Sprachkritiker und Sprachstillehrer (»Sprachpapst«) Wolf Schneider als maßgebliche Instanz für attraktives, solides, eingängiges Deutsch: seine Stan­dard­werke zur Stillehre gelten Generationen professionell Schreibender als ver­bind­li­cher Ko­dex. Obgleich seine Urteile über zeitgemäße sprachliche Entwicklungen zunehmend durch Engstirnigkeit und Al­ters­borniertheit geprägt sind, wär’s freilich interessant zu lesen, wie der große alte Mann der Sprachkritik die grassierende Gender-Debatte beurteilt:

»Die ganze Gender-Debatte ist eine Wichtigtuerei von Leuten, die von Sprache keine Ah­nung haben.«

Die ganze Debatte. Alles Leute, die keine Ahnung haben – reiflich undifferenziertes Urteil. Gemeint sind wohl: alle außer ihm selber.

»Zwischen dem natürlichen und dem grammatischen Geschlecht besteht nicht der ge­ringste Zusammenhang. Wie könnte es sonst das Weib heißen? Der Löwe, die Schlange, das Pferd. Obwohl sie alle dieselben zwei Geschlechter haben.«

Tusch! Wolf Schneider analysiert exklusiv in BILD: den Unterschied zwischen natürlichem und grammatischem Geschlecht! Für alle, die bisher davon keine Ahnung hatten.

»Die Führungskraft ist heute überwiegend ein Mann – und keiner hat sich je beschwert.«

Keiner. Wer hat dann eigentlich mit dieser Gender-Debatte überhaupt angefangen?

»Die Liebe ist weiblich, dabei soll es bleiben.«

Ende BILD-Artikel. – Wie bitte, das war alles? Das war die ganze »Abrechnung von Deutsch­lands ober­stem Sprachlehrer mit der „Genderei“« – mehr ist nicht dahinter?
Was für ein läppischer Schmarrn.

Euphemistisches, ..

.. oder: Definieren Sie den Begriff »Fehler«

Hätten Sie gewusst, was ein »Glimpfwort« ist? Bedeutet: Euphemismus, d. i. ein Ausdruck zur Verglimpfung eines unglimpflichen Sachverhalts. Zum Beispiel, was im herkömmlichen Me­di­en­sozio­lekt sonst unvermeidlich unter dem Terminus »Horror-Crash« kolportiert würde, –

– als »Fehler beim Ausparken« zu verglimpfen. Hört sich gleich viel glimpflicher an.

Unerklärliches: Ein neues Phänomen

Welcher vernünftige Sinn dahinterstecken sollte, einen altbekannten Begriff wie “Frauen­mord“, welcher allgemein geläufig und verständlich ist, neu­erdings durch ein neumodi­sches Fremdwort wie “Femizid“ zu ersetzen, ist uner­klärlich.

Femizid ist die vorsätzliche Tötung einer Frau durch einen Mann aufgrund ihres Ge­schlechts bzw. aufgrund von “Verstößen“ gegen die traditionellen sozialen und patriar­chalen Rollenvorstellungen, die Frauen zugeschrieben werden. Femizide sind per defini­­tio­nem “von Männern verübte misogyne [frauenfeindliche] Hasstötungen von Frau­en“. Die Definition geht auf die südafrikanische Soziologin und Autorin Diana Russell zu­rück, die den Begriff in die­ser Bedeutung erstmals öffentlich verwendete.

Heißt also: Jeder Femizid ist ein Frauenmord, aber nicht jeder Mord an einer Frau ist ein Fe­mizid. Umso unerklärlicher, weswegen dieser Fachbegriff nun allenthalben unreflektiert in­fla­tionäre Verwendung findet – ungeachtet seiner eigentlichen Be­deutung, aber weil der halt aktu­ell grad so toll in Mode ist. Zum Beispiel in Medienberichten wie diesen:

Ein neues Phänomen, das trifft wohl zu – nämlich auf die Berichterstattung darüber. Weil es sich bei dem kon­kreten Fall mitnichten um einen Femizid sondern of­fenkundig um was ganz anderes, einen sog. “erweiterten Suizid“ handelt: um einen 80-jährigen Mann, welcher seine 83-jährige pflegebedürftige Ehefrau jahrzehntelang betreute, nunmehr aber selber schwer erkrankte und aus Sorge, sie zukünftig nimmer pflegen zu können, ihrem und sei­nem Leben ein gemeinsames Ende setzte. Nichts könnte hier somit von einem “Femizid“, d. h. von ei­ner frau­en­feindlichen “Hasstötung“ weiter entfernt sein.
Tötungsfälle wie dieser sind kein neues Phänomen, solche gab es auch früher schon. Ein neues Phä­nomen ist hingegen, solche Fälle in der Medienberichterstattung unerklärlicher­­weise mit einem neuartigen Hashtag-Modewort zu etikettieren, obwohl das über­haupt nix damit zu tun ha­t.

Kolumnistisches: Wie man eine Pointe versemmelt

Vor Jahren war ich mal Gagschreiber für eine ATV-Comedyshow, was mitunter frustrierend war, weil es dem Show-Moderator stets gelang, die gescripteten Pointen zuverläs­­sig zu ver­semmeln. Aus Alfred Polgars Bonmot »Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.« machte der etwa: »Die Lage ist nicht ernst, sondern hoffnungslos.«, oder aus »Die Faust aufs Aug sagt mehr als tausend Worte« etwa: »Die Faust aufs Aug ist der langen Rede kurzer Sinn« – womit die Pointe nimmer witzig oder nimmer verständlich war.
(Was aber eh keine Rolle spielte, weil das Studiopublikum dennoch artig über seine Re­den lachte, obwohl es nix davon verstand: das wurde nämlich über eine Agentur in der be­nach­bar­ten Slo­wakei für ein Ta­schengeld als Schwenkfutter rekrutiert und per Shuttle-Bus an­ge­karrt, wäh­rend der Sendung an den jeweils passenden Stellen vom Aufnahme-Assi mit­tels Hin­weis­ta­feln zu »SMIECH!« [Lachen], »POTLESK!« [Applaus] usw. angehalten, anschlie­ßend in der Kan­tine ab­gefüttert und wieder zurück nach Bratislava expediert.)
Warum mir das einfällt: weil da nämlich auch grad einer eine Pointe garstig versemmelt, so­dass es beim Lesen glatt wehtut, in einer Kolumne über sexuelle Umtriebig­keit diver­ser CSU-Politiker als Exponenten einer »Partei der Schnacksler«:

»Die Schwarzen schnackseln halt gern.« sagte die zitierte Fürstin freilich im Wortlaut – und zwar ohne mit den »Schwarzen« die CSU zu meinen: und wäre die aber in ebendem Wort­­laut auch so zitiert worden, dann wäre die Pointe nicht versemmelt worden.

Blasensoziolektisches: »Die Welt in unserem Kopf«

Auf der WECF-Webseite werden in einem Artikel unter dem Titel »Sprache verstehen« aller­­lei spezielle Fach­ter­mi­ni-Konstrukte zur Entwicklung einer »gendergerechten Sprache« auf­­gelistet, deren konkreter Nutzen für die Entwicklung einer gen­dergerechten Sprache sich in­dessen nicht ohneweiters erken­nen lässt:

» Frau* steht für alle Menschen, die sich als Frau bezeichnen [..]. Das Pendant dazu ist Mann*.«

Na gut, das kann man sich merken, das geht leicht. – Aber da wird’s mit der sprachlichen Gen­dergerechtigkeit schon schwieriger:

»Wenn wir also nicht anfangen von Frauen* zu sprechen, wird die Welt in unserem Kopf überwiegend aus Männern bestehen.«

Wie soll man denn von Frauen* sprechen, bitteschön? Von »Frauen mit Sternchen«? (»Grüß Gott, Frau mit Sternchen Nachbarin. Meine Frau mit Sternchen lässt Sie grüßen.«)
Und gilt denn umgekehrt auch, vive versa: Wenn wir nicht anfangen von Männern* zu spre­chen, wird die Welt in unserem Kopf (»in unserem«? In wessen Kopf ei­gent­lich? Haben wir nur einen gemeinsam?) über­wiegend aus Frauen bestehen?

»Was grammatikalisch korrekt ist, ist nicht ausschließlich Folge natürlicher Sprachent­wicklung.«

(»All Gender are Beautiful« steht übrigens als Parole auf der »Sprache verstehen«-Seite, aber soweit ich die Sprache verstehe ist das grammatikalisch nicht korrekt, weil es wohl entwe­der »All Genders are« oder »All Gender is« heißen sollte?)

»Tatsächlich ist uns als Sprecher*innen der deutschen Sprache oft nicht bewusst, wie diskriminierend und sexistisch diese ist.«

Was die WECF-Sprecher*innen nun zur natürlichen Sprachentwicklung beizu­tragen wissen, um die deutsche Sprache weniger diskriminierend und sexistisch, dafür gen­der­ge­­rechter zu entwickeln:

» FLINTA* steht für Frauen, Lesben, Inter, Non-Binary, Trans und agender* und ist der Versuch einen Ausdruck für eine Personengruppe zu finden, die nicht cis männlich ist. Neben FLINTA* sind auch die Begriffe FLTI* (Frauen, Lesben, Trans, Inter*) oder FLINT* gebräuchlich. Um Menschen mit zu berücksichtigen, die sich außerhalb einer Hetero-Normativität bewegen, gibt es außerdem den Begriff LGBTQI* (Lesben, Gay, Bisexuell, Trans, Qeer, Inter, *), der auch nicht heterosexuelle cis Männer mit einschließt. – TINA* steht für Trans, Inter, Non-Binary und agender* und ist somit als Bezeichnung für Men­­schen zu verstehen, die nicht cis geschlechtlich sind, bzw. in kein binäres Geschlechter­­system passen.«

Sämtliche aufgelisteten “gebräuchlichen“ Begriffe (definieren Sie den Begriff “gebräuchlich“) lassen sich somit unter dem Oberbegriff AANHM* (steht für: Alle, außer nicht homosexuelle Männer) zusammenfassen. Inwieweit dieser Zinnober mit all den blasensoziolektischen Ma­ju­s­kel-Be­­grif­­fskonstrukten zu einer gendergerechteren Welt in unserem Kopf führen soll, er­schließt sich frei­lich für Außenstehende nicht unbedingt.

Unerfindliches: Blasensoziolektisches

–  bringt die “taz“-Autorin (welche unerfindlicherweise alldort nicht als Autorin, sondern als “Autor*in“ firmiert) in ihrer Kolumne zur Kenntnis.
Für gewöhnlich hört man indessen nie von Cis-Männern, aber mittels googeln lässt sich her­ausfinden worum es sich dabei handelt: bei dem Vokabelkonstrukt “Cis-Männer“ handelt es sich offenkundig um den bla­sensoziolektischen Fachter­minus für gewöhnliche Männer.
Zwecks welchem unerfindlichen Behufe es im “taz“-Blasensoziolekt eines spezifischen Fach­begriffes für “gewöhnliche Männer“ bedarf, dessen Bedeutung sich für Außenstehende erst durch googeln erschließt, entzieht sich freilich dem landläufigen Allgemeinverständnis.

Gendering: Automatisiertes

Allerdings ist auf dem Video zu sehen, dass es sich bei dem Autofahrer um eine Autofahrerin handelt. Gendering verabsäumt: das passiert wenn man Texte blindlings vom Übersetzungs­programm übernimmt, welches “driver“ (engl: “Fahrer*in“) aus dem Originaltext nicht auto­matisch gendert.
Macht aber nix, dafür wird anderswo wiederum eh über Genüge gegendert, dass es eine Art ist. Das passiert wenn man Texte blindlings vom Autokorrekturprogramm übernimmt, wel­ches Wörtern, die auf “-innen“ enden, automatisch ein Gendersternchen verpasst:

Freund*innen. Damit kein Verdacht entsteht, bei den Freundinnen in “Golden Girls“ hätte sichs wo­möglich um lauter Frauen gehandelt.

Semantisches: Eingeräumtes

    Die Antwort scheint “eindeutig zu sein“:
    Nur in der “WELT“ widerspricht einer:
    Sondern?
    (Man erkenne den Unterschied zwischen »gelogen« und »die Unwahrheit gesagt«.)

Genug der semantischen Spitzfindigkeiten – jetzt zum eigentlichen Thema, nämlich:

Der Papst hat also gelogen und nun muss er’s zugeben, und allenthalben liest man darüber in den Meldungen die Formulierung:

Räumt ein? Hier stellt sich die Frage, wohin er seine Falschaussage denn ein­­räumt: in eine Schublade etwa oder einen Schrank? Ins Nachtkastl, oder in seinen Ta­ber­nakel?
Man erkenne den semantischen Unterschied zwischen »gibt Lüge zu« und »räumt Falsch­aus­­sa­ge ein«.

Jurisdiktionelles

Unsinn. Niemand wird von einem österreichischen Gericht in eine Einrichtung »für soge­nannte« geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen. Sondern in eine Einrichtung für geistig abnorme Rechtsbrecher, weil die so genannt wird. Egal, ob die Bezeichnung dem SPIEGEL gefällt oder nicht.

(Ein im SPIEGEL so genanntes Landgericht gibt’s in Wien übrigens seit dem Mittelalter keins mehr, dafür aber ein Landesgericht.)

Soziolektisches: “Teenie-Drama“

Dass sich die Verschenkzeitungs-Knalljournaille zuweilen im PubertätsSozio­lekt arti­ku­liert anstatt in normalen Worten wie normale Erwachsene, ist man eh gewöhnt. Wenn aber zwei Jugendliche bei einem Motorradunfall lebensgefährlich verletzt wur­den und die knall­jour­naillistischen Verbal-Retardierer von Österreichs auflagenstärkster Ver­schenk-Drecks­pos­til­le darüber mit dem Aufmacher daherkommen –

– dann möchte man denen ihre Dreckszeitung am liebsten in den Hintern stopfen.

Gendersternsingerei der Woche

Der Herbstbundesrat der Jugendorganisation “Katholische junge Gemeinde“ (KjG) tritt dafür ein, Gott hinkünftig mit einem Gendersternchen zu schreiben, »um deutlich zu machen, dass Gott* nicht automatisch als alter weißer Mann mit Bart gedacht werden könne.« *

Ist doch reizend dass sich die jungen Leute mal darauf besinnen, sich für solche wirklich re­le­vanten akuten Probleme unserer Gegenwart zu engagieren anstatt für olle Ka­mel­len wie Fridays for Future, Rettet das Weltklima und derlei Kram.

Verkehrsbetriebliches

Die Verkehrsbetriebe in mehreren deutschen Städten wollen den Begriff “Schwarzfahren“ zukünftig ächten, weil der angeblich »diskriminierend« sei und »sich vermehrt Menschen an diesem Begriff stören, da sie ihn rassistisch finden«:

Auf welchem Wege die diversen städtischen Verkehrsbetriebe offenbar konzertiert zu dieser Erkenntnis gelangt sein mögen, ist nicht bekannt.

Apropos Verkehrsbetriebe & Rassismus: vielleicht haben Sie ja diese urbane Legende auch schon mal wo vernommen.
Oder die Szene in “Yuppi du“, Adriano Celentano und ein Farbiger am Bahnhofskiosk:
Celentano bestellt: »Einen Schwarzen!« (Kaffee)
Farbiger bestellt: »Einen Weißen!« (Wein)
Celentano und Farbiger starren einander perplex/grimmig an.

Die Wiener Verkehrsbetriebe erachten es als angebracht, bei diesen konzer­tierten Faxen mit der absurden “Schwarzfahrer“-Nummer nun ebenfalls mitzukaspern:

Nämlich mit der vollends absurden Begründung:

Ah so? Dass sich der Sprachgebrauch im Wiener Sprachraum dahingehend geändert hätte, dass irgendjemand anstatt »bin gestern schwarzgefahren« sagen würde »war gestern Fahr­gast ohne gültiges Ticket«, ist mir allerdings bisher noch nicht un­ter­gekommen. Scheint, als un­ter­­scheidet sich meine Wahrnehmung des lebendigen Sprachgebrauchs von jener des Sprach­gebrauch-Wahrnehmungsbeauftragten der Wiener Linien.

Man darf gespannt sein ob als nächstes etwa die Finanzbehörden herausfinden, dass die Be­griffe “Schwarz­geld“, “Schwarz­arbeit“ usw. mindestens ebenso »diskriminierend sind und sich vermehrt Menschen an diesen Begriffen stören, da sie die rassistisch finden«.

Oder, wie wärs z.B. mit “Schwarzbrot“? Szenenwechsel, Celentano und ein Farbiger an der Backwarentheke:
Celentano verlangt: »Ein Schwarzbrot!«
Farbiger verlangt: »Ein Weißbrot!«
Man erkenne die rassistische Diskriminierung in dieser Szene, welche mit dem Sprach­ge­brauch solcher Begriffe einhergeht.

Genderitisches

Die grassierende Genderitis generiert mitunter skurrile Blüten:

»Derzeit prüfen Spezialistinnen und Spezialisten sämtliche Spuren an den Tatorten [..], um dem Täter, der Täterin oder den Tätern auf die Spur zu kommen.«  (ORF.at)

Na, und was ist mit »den Täterinnen«? Will denen keine*r auf die Spur kom­men? Typi­scher Fall von geschlechtsspezifischer Diskriminierung!

Schwurbelschwatz der Woche: Genderingmanieristisches

»Wortwiederholungen im Text sind zu vermeiden!« bleute uns Herr Oberlehrer dereinst im Deutschunterricht ein, wenn es einen Aufsatz zu schreiben galt: »Wer sich an diese Regel nicht hält, schreibt keine ordentlichen Texte und wird es mit Schreiben zu nix bringen.«

(Der kleine Willi aber hatte im Unterricht nicht aufgepasst und hielt sich nicht an diese Re­gel, darum schrieb er keine ordentlichen Texte, z.B.:
    »Ein Pferd! Ein Pferd! Mein Königreich für ein Pferd!«
Wortwiederholungen im Text! Kein Wunder dass es der kleine Willi mit Schreiben zu nix brachte.)

Beim SPIEGEL hält man sich bekanntlich unerbittlich daran und macht es artig vor –

*

– und darum heißt dort etwa ein Bundestrainer im Text kein zweites­mal hintereinander »Bundestrainer« sondern »Fußball-Lehrer«, und Öster­reich nicht »Österreich« sondern »die Al­penrepublik«, »der Alpenstaat«, oder originel­lerweise gar »der Bergstaat«.
(Klar gibts in Österreich auch Berge, ihr Heinis, möchte man ausrufen, es gibt auch Kirchen: ist Österreich deswegen »der Kirchenstaat«? In Deutschland gibts Inseln, ist Deutschland des­­wegen ein »Inselstaat«?)

Die Gendersternsinger*innen von “Pinkstinks – Magazin, Kampagnenbüro und Bildungsor­ganisation gegen Sexismus“ bringen es indessen zuwege, in einem Artikel über »Männer, die sexistisch über Frauen reden« Wortwiederholungen konsequent zu vermeiden, indem sie »Männer« bzw. »Frauen« alternierend durch die Begriffskonstrukte »maskuline Perso­nen«, »mas­kuline Menschen« bzw. »feminine Personen«, »feminine Men­schen« oder »weiblich ge­­lesene Menschen« ersetzen: genderingmanieristischer Schwur­bel­schwatz in schönster Blüte!

(Männlich gelesene Menschen werden dort hingegen nicht angeführt – bloßes Versehen, oder womöglich ein Fall von geschlechtsspezifischer Diskriminierung?)

Dummwort der Woche

Fleischhauer, wieder mal:
Jenen beispiellosen Milliardenbetrug, indem der Volkswagen-Konzern mit betrügerisch ge­fälschten Abgasemissionswer­ten weltweit Finanz- und Umweltbehörden sowie Millionen Kunden betrog, erwähnt FOCUS-Kolumnist Fleischhauer unter Hervorbringung der Dumm­wort-Kre­a­tion: die VW-Kunden hätten »einen Schummel-Diesel gekauft«.

»Schummel-Diesel«. Was für läppisches Geschwafel, wieder mal.

Genderingphonetisches

Aktuell findet im Rundfunk allenthalben die befremdliche Manier Verbreitung, das Gen­der­stern­chen beim Sprechen vermittels Glottisschlag als sog. “Gender-Pause“ phonetisch zu ar­­ti­­ku­lieren: wo man/frau/divers die lieben Zuhörer*innen ehemals korrekt gegendert als »lie­be Zuhöre­rinnen und Zuhörer« ansprach, da sagt man/frau/divers nunmehr »liebe Zuhörer-[Glottisschlag]-innen«. Hört sich zwar einigermaßen befremdlich an (als brauchten die lieben Zu­­hörer außen sich davon nicht angesprochen zu fühlen), aber befremdlich wirken aktuelle Trends mitunter halt.*)
In welcher Weise sich die gesprochene Glottisschlag-Genderpause schrift­lich trans­kribieren oder in Laut­schrift­zeichen wiedergeben ließe, ist derweil noch ungeklärt. Im internationa­len pho­ne­ti­schen Alphabet wird zur Darstellung des Glottisschlages der Buchstabe [ʔ] ver­wendet, sodass in der Niederschrift der Rede also »liebe Zuhörer[ʔ]innen« stünde.

Durch Gendern per Glottisschlag lassen sich beim Spre­chen nun wertvolle Sekundenbruch­tei­le ein­spa­ren: z.B. anstelle der korrekt gegenderten Verkehrsfunk-Meldung »Achtung Auto­fahrerinnen und Auto­fahrer, es kommt Ihnen eine Geisterfahrerin oder ein Geisterfahrer ent­­gegen« (damits nicht bereits gekracht hat ehe man/frau/divers mit dem Ver­lesen der Mel­dung fertig ist) in der Kurzfassung »Achtung Autofahrer[ʔ]innen, es kommt Ihnen ein[ʔ]e Gei­s­­ter­fah­rer[ʔ]in entgegen«.
Werbesekunden im Rundfunk kosten Geld, bei der Durchsage der Kurzfassung des korrekt gegenderten Rezept-Hinweises »Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt oder Ihre Apothe­kerin oder Ihren Apotheker« stößt die Methode freilich an ihre Grenzen: »Fragen Sie Ihre[ʔ]n A[ʔ]˙˙[ʔ]rzt[ʔ]in oder Apothe­ker[ʔ]in.« – wie man/frau/divers die Umlautpunkte˙˙ eines Ä ohne A darunter zwischen den beiden Gender-Glot­tisschlägen phonetisch umsetzen will, muss wohl ein ungeklärtes Rät­sel blei­ben.
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*) (Wie Männerdutt oder Plateau-Sneakers. Oder die affige Manier, den Zuhörer*in­nen neu­­­erdings anstatt eines »Guten Morgen!« den Dummspruch »Einen wunder­schönen guten Mor­gen!« entge­gen­zu­krähen: den man/­frau/­di­­vers den Sprecher*in­nen wieder in den Schna­­bel zu­rück­stop­fen möchte noch bevor sie die Silbe »wun–« fertig her­­vorgebracht haben.)

Ungereimtes: Euphemistisches, ..

..oder: Definieren Sie den Begriff  “Ungereimtheit“

Drängelt sich wer mit einem Einkaufswagen in der Warteschlange an der Aldi-Kassa vor, mit der Parole: »Lassen Sie mich vorbei, ich bin Arzt!« – würde man das als “Un­gereimtheit“ bezeichnen?
Vermutlich nicht. Drängelt sich aber wer bei der Covid-Schutzimpfung vor obwohl er noch gar nicht dran ist, mit der Parole »Lassen Sie mich vorbei, ich bin Bürgermeister!«, dann schon – im KURIER zumindest:

Warum solcherlei Ungehörigkeiten im KURIER als “Ungereimtheiten“ euphemisiert werden, darauf lässt sich freilich kein Reim machen.

Soziolektisches: Ergreifendes

Meinten Sie: Autos ergreifen Radfahrer in Nordhausen?

Wenn ein Autofahrer mit seinem Auto gegen einen Baum fährt, käme wohl keiner auf die Idee, darüber zu vermelden:
    »Baum von Auto erfasst«
Wenn der Autofahrer jedoch einen Fußgänger überfährt, dann wird der Fußgänger in Medienberichten grundsätzlich von keinem Autofahrer überfahren, sondern »von Auto erfasst«:

»Fahrzeuge, die Personen erfassen« – ergreifende Exempel einer unsinnigen Dumm­schwatz-Flos­­kel im Journalisten-Soziolekt.

Nicht die Polizei erfasste den fliehenden Mopedfahrer, indem sie ihn mit dem Streifenwagen über­fuhr – sondern der Streifenwagen war es, dem das Erfassen des Fliehenden gelang.

Insonders die Verschenkblatt-Knalljournaille scheint völlig verlernt zu haben, sich in nor­ma­len Worten zu artikulieren wie normale Leute:

Was sich diese Typen dabei denken mögen, das Über­fahren einer Fußgängerin unter der Flachsinnsfloskel »Horror-Crash« zu kolportieren, lässt sich nimmermehr nachvollziehen.
 (ÖSTERREICH)

Schwurbelschwatz der Woche

»Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte liest,
es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.«
(Johann Wolfgang von Goethe)
Swati Sharma, geschäftsführender Herausgeber von The Atlantic, wird der nächste Chef­re­dak­teur von Vox.com, Vox Media, bekannt für illustrativen Journalismus und Podcasts, sein, der fast drei von zwei Monaten nach seinem Wechsel die Wache im führenden digitalen Out­let wechselt Die Gründer gingen und ihre frühere Chefre­­dakteurin kündigte ihre Abreise an.
Frau Sharma, 34, wird nächsten Monat ihre neue Rolle antreten.

Pointenkritisches

Weil der Bierverkauf in Deutschland zurückgegangen ist, hat sich der Artikelüberschriften-mit-Pointe-Ausdenkbeauftragte von “ZackZack“ dazu die pointierte Artikelüberschrift aus­ge­dacht:

Man erkenne die Pointe: »Brauereien bleiben auf ihrem Bier sitzen = sitzen auf dem Trocke­nen«. – Aber: so funktioniert die Pointe ja gar nicht, ließe sich einwenden? Schade, umsonst ausgedacht.

Merke: Eine Pointe, die nicht funktioniert, ist überhaupt keine.
(Vielleicht spricht sich das ja mal bei ZackZack herum. Vielleicht noch eher als beim Spiegel.)

Humorkritisches: Furzkissenhumoristisches

»Höret, was Erfahrung spricht: Glaubt niemals, dümmer geht es nicht!
Erfahrung lehrt: ein Stückchen dümmer geht es allerweil noch immer.«
(M. Krassnig*)

Nationale Klischees oder Stereotype gibts zahlreiche (geizige Schotten, frei­zügige Schweden, schlam­pige Belgier, einfäl­tige Bosnier/Armenier/Ösis ad lib.), und daraus lassen sich zuwei­len polemi­sche, aber auch originelle Pointen stricken – wie etwa in dem [hieramts leicht abge­wandelten] Evergreen:

In der besten aller Welten wären die Deutschen die Techniker, die Franzosen die Köche, die Italiener die Liebhaber, die Schweizer die Organisatoren, und die Briten die Humo­ris­ten.
In der schlechtesten aller Welten aber wären die Franzosen die Techniker, die Italiener die Organisatoren, die Schweizer die Liebhaber, die Briten die Köche, und die Deutschen die Humoristen.

Ösi-Witze gibts ebenfalls zahlreiche: originelle (»Den typischen Öster­reicher hat man sich als eine Art geländegängigen Ostfriesen vorzu­stellen.« u.a.) sowie auch halboriginelle, dumme sowie auch saudumme. Und zuletzt gibts noch einen Luke Mock­ridge, sattsam bekannter TV-Furzkis­senhumorist*, dem ist auch einer eingefallen:

»In Österreich werden Kinder auch zum Kanzler gewählt.« *

Weil in Österreich ein 31-Jähriger zum Kanzler gewählt wurde: ein 31-Jähriger, verstehste? Kennste, kennste?! Der Schenkelklopfer.

Luke Mockridge wurde mit dem Deutschen Comedypreis 2019 als “Bester Komiker“ ausge­zeichnet.*

(Dass Deutsche und Österreicher ein grundsätzlich unterschiedliches Humorverständ­nis hät­ten, ist auch ein landläufiges Klischee. Dass deswegen aber irgendjemand in Deutschland den Ösi-Kinderkanzlerwitz für witzig halten mag, kann ich mir trotzdem nicht vorstellen.)

Verzichtbares: Halbwitziges

Namenwitze gehören in den Kindergarten und nicht in die Zeitung, hat Kollege Trithemius hieramts mal bemerkt, aber bei Zackzack, dem “postideologischen Medium für kritische und investigative Bericht­erstattung über Politik, Medien und die wirtschaftliche Elite des Lan­des“ hat sich das noch nicht he­r­um­­gesprochen:

“Aschbacher“ + “schrieb ab“ = “Plagiats-Bacher“: erkennen Sie den Namenwitz?

Ein Namenwitz ohne erkennbaren Witz ist kein witzloser Namenwitz, sondern schlicht witz­­lo­ser Schmarrn. Verzichtbar.
(“Abschreibministerin Aschbacher“ oder “Christine Abschreibbacher“ wäre eigentlich nahe­liegender und zumin­dest halbwegs witzig gewesen – ist dem ZackZack-Namenwitzbold aber wahr­schein­lich erst zu spät einge­fallen.)
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C. censeo: Journalisten sollten Journalismus machen und das Witzigsein den Witzemachern überlassen*, und umgekehrt.

Deutschlandfunk: Wortwörtliches

Im Englischen unterscheidet sich die Wortstellung von Verb und Objekt in Nebensätzen vom Deutschen*, was sich in der Übersetzung bei unveränderter Wortstellung komisch anhört – kennt man etwa aus “Asterix bei den Briten“ [»Es ist Zeit, zu trinken eine Tasse Tee.« usw.] Im Jiddischen ist es ähnlich.

In einem Deutschlandfunk-Artikel über Hochstapler, die sich fälschlich als Juden ausgeben, wird der Berliner Rabbiner Dr. Walter Rothschild, gebürtiger Brite, wörtlich zitiert:

»Und es ist interessant, wie die Leute suchen einen bestimmten Opferstatus.«
»Wenn ich höre solche Sätze, dann gehen die Haare hoch auf meinem Nacken.«
»Keiner möchte zugeben, dass er wurde betrogen von jemandem.«

Die wortwörtliche Wiedergabe dieser Aus­sagen mag, um journalistischer Sorgfaltspflicht Ge­nüge zu leisten, gut gemeint sein – aber hier ist gut gemeint das Gegenteil von gut: inson­ders da Herr Rothschild eben Jude ist. Anstatt die Sätze lediglich in korrekte Wort­stellung zu set­zen [»Wenn ich solche Sätze höre; dass er von jemandem betrogen wurde« usw.] ohne deren Sinnge­halt da­durch zu verfälschen, werden sie wörtlich wiedergegeben, sodass sichs für den Leser anhört als wür­de Herr Rabbiner Rothschild jiddeln wie ein jiddi­scher Rabbi.
Und genau das tut Herr Dr. Rothschild eben nicht: er spricht, als gebürtiger Brite, so wie ein an­g­lophoner Muttersprachler eben Hochdeutsch spricht.
Die grammatikalisch fehlerhafte Wortstellung in den Aussagen eines nichtdeutschen Mutter­sprachlers in der Veröffentlichung gram­mati­kalisch richtigzustellen, hätte derweil der jour­­na­­lis­­ti­schen Sorg­falt keinen Zacken ab­ge­bro­chen.

Euphemistisches

Der STANDARD titelt über die Aussagen eines Herrn Abdelati Krimi, Kandidat auf der Wahl­liste der Grünen zur Wiener Landtags- und Gemeinderatswahl, in einer arabischsprachigen Sendung:


Und das sagt der Herr Kandidat der Wiener Grünen über das österreichische Eherecht:

»Bei Allah, [..] wir sind gegen die Gesetze dieses Landes,
weil diese Gesetze die Frau schützen und ihr Rechte geben.«

Eine solche Ungeheuerlichkeit als “kritische Aussage“ zu defi­nie­ren, ist wahr­haft ein denk­wür­di­ger Euphemismus.