Blasensoziolektisches: »Die Welt in unserem Kopf«

Auf der WECF-Webseite werden in einem Artikel unter dem Titel »Sprache verstehen« aller­­lei spezielle Fach­ter­mi­ni-Konstrukte zur Entwicklung einer »gendergerechten Sprache« auf­­gelistet, deren konkreter Nutzen für die Entwicklung einer gen­dergerechten Sprache sich in­dessen nicht ohneweiters erken­nen lässt:

» Frau* steht für alle Menschen, die sich als Frau bezeichnen [..]. Das Pendant dazu ist Mann*.«

Na gut, das kann man sich merken, das geht leicht. – Aber da wird’s mit der sprachlichen Gen­dergerechtigkeit schon schwieriger:

»Wenn wir also nicht anfangen von Frauen* zu sprechen, wird die Welt in unserem Kopf überwiegend aus Männern bestehen.«

Wie soll man denn von Frauen* sprechen, bitteschön? Von »Frauen mit Sternchen«? (»Grüß Gott, Frau mit Sternchen Nachbarin. Meine Frau mit Sternchen lässt Sie grüßen.«)
Und gilt denn umgekehrt auch, vive versa: Wenn wir nicht anfangen von Männern* zu spre­chen, wird die Welt in unserem Kopf (»in unserem«? In wessen Kopf ei­gent­lich? Haben wir nur einen gemeinsam?) über­wiegend aus Frauen bestehen?

»Was grammatikalisch korrekt ist, ist nicht ausschließlich Folge natürlicher Sprachent­wicklung.«

(»All Gender are Beautiful« steht übrigens als Parole auf der »Sprache verstehen«-Seite, aber soweit ich die Sprache verstehe ist das grammatikalisch nicht korrekt, weil es wohl entwe­der »All Genders are« oder »All Gender is« heißen sollte?)

»Tatsächlich ist uns als Sprecher*innen der deutschen Sprache oft nicht bewusst, wie diskriminierend und sexistisch diese ist.«

Was die WECF-Sprecher*innen nun zur natürlichen Sprachentwicklung beizu­tragen wissen, um die deutsche Sprache weniger diskriminierend und sexistisch, dafür gen­der­ge­­rechter zu entwickeln:

» FLINTA* steht für Frauen, Lesben, Inter, Non-Binary, Trans und agender* und ist der Versuch einen Ausdruck für eine Personengruppe zu finden, die nicht cis männlich ist. Neben FLINTA* sind auch die Begriffe FLTI* (Frauen, Lesben, Trans, Inter*) oder FLINT* gebräuchlich. Um Menschen mit zu berücksichtigen, die sich außerhalb einer Hetero-Normativität bewegen, gibt es außerdem den Begriff LGBTQI* (Lesben, Gay, Bisexuell, Trans, Qeer, Inter, *), der auch nicht heterosexuelle cis Männer mit einschließt. – TINA* steht für Trans, Inter, Non-Binary und agender* und ist somit als Bezeichnung für Men­­schen zu verstehen, die nicht cis geschlechtlich sind, bzw. in kein binäres Geschlechter­­system passen.«

Sämtliche aufgelisteten “gebräuchlichen“ Begriffe (definieren Sie den Begriff “gebräuchlich“) lassen sich somit unter dem Oberbegriff AANHM* (steht für: Alle, außer nicht homosexuelle Männer) zusammenfassen. Inwieweit dieser Zinnober mit all den blasensoziolektischen Ma­ju­s­kel-Be­­grif­­fskonstrukten zu einer gendergerechteren Welt in unserem Kopf führen soll, er­schließt sich frei­lich für Außenstehende nicht unbedingt.

16 Kommentare

  1. Bei allem nötigen Respekt
    frag’ ich als Leser ganz direkt:
    Welch wirrer Sinn dahintersteckt,
    der solchen Blödsinn ausgeheckt
    im Worterfindungsübermut?
    Tät’ denn solche Majuskelflut,
    die man im Textfluss da entdeckt
    und BAHNHOF* nur verstehen tut,
    der Sprachentwicklung etwa gut?

    1. Wenn du beim Lesen Sternchen siehst
      obwohl du nicht betrunken bist,
      liegt’s an dem Text wohl, den du liest,
      der übersät von Sternchen ist,
      was dir den Lesespaß vermiest
      und dich beim Lesen arg verdrießt!

  2. „(»in unserem«? In wessen Kopf ei­gent­lich?…)“
    Guter Einwand. Hier müßte unbedingt ‚in unserem*‘ stehen, ob grammatikalisch richtig oder nicht.
    Sich die proklamierten Abkürzungen für diverse @Ausformung*en sexueller* @Neigungen* diverser @LoveParadeTeilnehmerinninnen* zu merken, finde ich recht kompliziert. Hier könnte man* sich vielleicht noch Kurzform*inn*innen einfallen lassen.

      1. Im Rheinland kennt man auch „das Mensch“ sowie „das Fromingsch“ (Fraumensch). Überhaupt wäre Neutrum ein sparsamer Kompromiss.

  3. Diese Sprachentwicklung ist ja zum irre werden.
    Zum Glück gibt’s noch das sächliche Wesen, worin sämtliche Gendersternchen, Doppelpunkte und Grossbuchstabenkürzel mitgedacht sind…

  4. Und was ist mit denen, die gern Kaffee trinken, irgendwie libidinös, aber asexuell? Werden die weiterhin einfach so sprachlich sexistisch diskriminiert? LGBTQI*KLA – soviel Zeit muß sein.

    1. »Wenn wir also nicht anfangen von Frauen* zu sprechen, wird die Welt in un­se­rem Kopf überwiegend aus Männern bestehen.«

      Muss man den Satz überhaupt verstehen?
      (»Wenn wir also nicht anfangen von Schwestern*/Radfahrern*/Nichtrauchern* zu spre­chen, wird die Welt in un­se­rem Kopf überwiegend aus Brüdern/Autofahrern/Rauchern bestehen.« – ?)

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