Literaturkritisches: »Wir erwarten Ihre Pistolen«

»Wenn einer, der mit Mühe „Schmerz“ | Gereimt hat zu ’nem Vers auf „Herz“
Schon meint, daß er ein Dichter wär | So irrt sich der.«  (M. Krassnig)

In der Neulengbacher Literaturzeitschrift “WIR LEBEN – Monatsschrift zur Pflege schön­geistiger und künst­le­ri­­scher Bestrebungen“ (erschienen 1910-1911) wurden seinerzeit die literarischen und lyrischen Her­­vor­bringungen publiziert, welche von dichterisch ambitionier­ten Le­sern an die Redaktion eingesandt wurden. Dass manche Einsendungen er­man­gels künst­le­­ri­­­scher Qualität bzw. Schöngeistigkeit nicht zur Veröf­fentlichung ge­lang­­­ten, muss nicht über­raschen – umso lesens­werter wa­ren unterdessen die häufig sarkastischen, mitunter polemischen Be­­grün­dun­gen für die Ablehnung dieser Texte, wel­che in der Rubrik “Briefkasten der Re­­dak­­tion“ als Ant­­wor­ten an die betreffenden Einsender abgedruckt wur­den:

        » Herrn P. K.  Wir glauben Ihnen ohne weiters, daß Sie die 8 Mark bezahlt haben, die nötig sind, um auf jede Visitkarte, jedes Briefpapier, jeden Umschlag und vor allem auf jede ir­gendwie beschriebene Seite x-mal in Riesenlettern stampiglieren zu können: „Mitglied des Allgemeinen Schriftstellervereines und des lyrischen Kartells“. Wir kön­nen Ihnen aber nach Genuß Ihrer Einsendung absolut nicht glauben, daß Sie ein Schrift­steller sind oder jemals werden können.«
        » Frl. H. M.  Kommen Sie in 16 Jahren wieder. Wir bezweifeln zwar, daß Sie bei doppeltem Alter bessere Gedichte machen können werden, da in Ihrer Einsendung auch nicht der leiseste Funken von Talent zu entdecken ist; aber ein Ausnahmsfall wä­re ja im­merhin möglich.«
        » Herrn J. H. B.  Sie dichten:
                Mein Kind, laß alles fahren,
                Nur laß die Liebe nicht . . .
Wir meinen aber, es wäre umgekehrt praktischer, wenigstens für die Umgebung . . . . «

        » Herrn M. O. i. B.  Sie senden uns eine grauenvolle „Moritat“ und verlangen eine extra Anerkennung dafür, daß Sie, obwohl mit den Redaktionsmitgliedern persönlich bekannt, uns bisher noch keinen Beitrag geschickt haben. Wir werden Ihnen aber einen Orden stiften, wenn Sie dies auch in Zukunft friedlich so weiter halten wollen.«
        » Herrn Supplenten K. in W.  Wir möchten Ihnen raten, diese „Jugendsünden“ auch fernerhin im Pult zu lassen, bis – Sie einen Namen haben, zu dem ja schon Anzeichen vorhanden sind. D a n n nimmt Ihnen jedes große Blatt jeden Schmarrn und zehntausend entzückte Leser müssen dran glauben.«

        » Herrn F. K. in O.  Ihre „Erlebnisse“ mögen ja für Sie recht interessant gewesen sein, wir glauben aber nicht, daß irgend ein anderer Mensch daran Interesse finden kann trotz „der Modulation des inneren Gedankenganges und der originellen Form“. Unter letzterer meinen Sie gewiß die äußere Form des Manuskriptes, das, auf beiden Seiten beschrieben und diverse Spuren außerschriftstellerischer Tätigkeiten aufwei­send, wohl kaum zu irgend etwas taugt, seit „die Polizei den Selchern aufgetragen, ihre Ware in ein s a u b e r e s Papier zu schlagen“.«
        » Herrn E. R.  Sie sind der Typus dessen, was der Zeitungswitz so treffend mit dem Worte kennzeichnet: Redaktionswanze. Gott bewahre jeden in Gnaden davor, mit Ih­nen zu tun haben zu m ü s s e n. Wir erwarten aber in Ruhe Ihre Pistolen.«
        » Fräulein J. R. i. W.  Daß jemand solche Verse allen Ernstes einer Zeitung anbie­tet, ist zwar schon ein Witz. Aber die „Gedichte“ selbst sind so witzlos, daß man beim besten Willen darauf keine witzige Antwort finden kann. Ihnen die einzig richtige zu geben, da­zu fühlen wir uns nicht berufen.«

        » Herrn R. D. in G.  Unmöglich ; ich darf derartige Rücksichten nicht nehmen. Das müssen Sie einsehen. Die Arbeiten sind nicht „vielleicht noch etwas unreif“, sondern hoffnungslos talentlos, das schreibt jeder mittelmäßige Bürgerschüler. Bitte mir nichts mehr einzusenden. Ihren Groll werde ich zu ertragen wissen.«
        » Herrn Lehramtskandidat G.  Sie senden uns mit Ihren Gedichten auch Ihr Bild für unser „Dichteralbum“ ein. Lieber Herr Lehrer, schauen Sie, das hätten Sie uns nicht antun sollen. Jetzt müssen wir Sie immerfort wehmütig anschauen und denken: Wie kann man ein so hübsches Gesicht haben, und so niederträchtig schlechte Gedichte ma­chen!«

10 Kommentare

      1. Man muss dabei allerdings bedenken, dass ja so mancher sein Talent einfach falsch einschätzt, sich für äußerst begabt hält, auch wenn die mit den Ergüssen bedachte Um­welt es ganz anders sieht.

      2. Errare humanum est = Irren ist menschlich.
        Alle müssen es ja nicht lesen, diese literarischen Ergüsse – höchstens die Schieds­kom­mission, falls es Preise geben soll.

      3. Nicht jeder, der von sich entzückt
        vermeint, dass er die Welt beglückt
        mit dem was er gedichtet hat,
        beglückt sie damit in der Tat.

        (Manch einer, der die arme Welt
        mit seiner garst’gen “Dichtkunst“ quält,
        gehört sogar, das muss man sagen,
        so lange, bis er’s lässt, geschlagen! ; )

    1. Amtsführende Schriftleiterin jener höchst humorigen (und gestrengen!) Redaktion von “Wir Leben – Monatsschrift zur Pflege schöngeistiger und künstlerischer Bestrebungen“ war Frau Else Kastner-Michalitschke ▶️ , gleichzeitig geschäftsführende Vizepräsidentin des “Ver­eins der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen“ und seinerzeit eine populäre und viel­fach preisgekrönte Schriftstellerin.
      (Als Redakteur, Eigentümer, Herausgeber, Verleger und Drucker [sic] fungierte übrigens Herr Josef Geiß­ler, zugleich Redakteur, Eigentümer, Herausgeber, Verleger und Drucker zahlreicher weiterer Pe­ri­o­di­ka jeglicher Couleur wie etwa des “Wienerwald-Boten – Mitteilungsblatt des west­li­chen Wie­ner­waldes“ [vormals “Neulengbacher Zeitung – Unabhän­gi­ges Wochenblatt für Politik, Land- und Forstwirthschaft, Gewerbe, Kunst und Literatur“ ▶️ sowie eines Ta­schen­fahr­plans für die Westbahnstrecke [vormals “k.k. pri­vi­le­gier­te Kai­se­rin-Eli­sa­beth-Eisen­bahn­ge­sell­schaft“ ▶️ ].)

    2. @ Literaturkritisches
      „humorig/sarkastisch/polemisch“:

      Es sei jedoch hier festgestellt:
      Humor, das ist ein Hund der bellt.
      Sarkasmus ist ein Hund der beißt.
      Polemik ist ein Hund der sch***.

      1. Ja, zuweilen waren die Kritiken der “Wir Leben“-Redaktion durchaus bissig – aber immerhin humorig : )

              » Herrn J. R. in Wien. Sie schreiben wörtlich: „Wenn ich einer Redaktion et­was ein­sende, kann ich mich ihr Mitarbeiter nennen. Wenn das dann die Re­dak­tion nicht druckt, kann doch ich nichts dafür.“ Sie sind der geborene Humorist  Gott er­halte Sie!«

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