25. Februar – Hypotaxisches


Heute ist, was wir nicht ver­ab­säu­men möchten, der geneigten Leserschaft zur Mitteilung zu bringen, um zu ver­mei­den, uns dem Vor­wurf aus­gesetzt zu sehen, man habe hieramts Kenntnis davon besessen aber nie­mand daran teil­ha­ben lassen, der Tag der Schachtelsätze.

14 Kommentare

  1. Danke für den Hinweis, werter Kollege, auf einen in letzter Zeit kaum noch zu beobachtenden Satz, abgesehen von Ihrem kunstvoll konstruierten Beispielsatz natürlich, wobei derlei Sätze, denen mit Recht ein Tag zugeeignet wurde, aus dem Lameng, das Ihnen als Lamäng bekannt sein dürfte, aber ich habe mich für die rheinländische Variante entschieden, kaum noch geschrieben werden, nachdem sie bedenkenlos von diversen Stilratgebern, sei es Ludwig Reiners, Wolf Schneider oder Bastian, das Ohrfeigengesicht, Sick, um nur die penetrantesten Sprachphilister zu nennen, zum Abschuss freigegeben wurden, obwohl die gnadenlose Verfolgung von Schachtelsätzen, das wäre hier einzuwenden, hinsichtlich der sprachlichen Diversität zur stilistischen Verarmung führt, was jedem Liebhaber von Texten, wie sie Heinrich von Kleist noch meisterhaft zu drechseln verstand, die Tränen entlocken wird.

  2. @ Trithemius
    Hier reihen Sie, geschätzter Kollege, sich, wie sich, indem man die von Ihnen verfassten Zeilen liest, erkennen lässt, in die Reihe herausragender Hypotaktiker, zu welcher, um nur einige zu nennen, neben Heinrich von Kleist, den Sie bereits erwähnten, ebenfalls Thomas Mann, Robert Musil oder Herbert Haupt zählen, ein.

  3. @ speedhiking
    Das Komma (in Österreich: der Beistrich) dient zur Strukturierung und dadurch leich­te­ren Verständlichkeit einzelner Satzelemente. Das Gegenteil erreicht, wer Kommas an­stelle von Punkten verwendet, um Hauptsätze voneinander zu trennen. Was der Kollege Wissen­schafts­redakteur, pünktlich zum Tag der Hypotaxe, hier eindrücklich beweist:


    (Die Presse)

    (Ob man solchen Schwurbelschrieb für avantgardistisch halten will oder eher für affigen Manierismus, möge jeder Leser selber entscheiden.)

  4. Wie gut, lieber Nömix, dass Sie Ihre geneigte Leserschaft, zu der ich mich mit steter Freude schon seit vielen Jahren zählen darf, obwohl ich, Gott, oder wer auch immer, sei gelobt, nicht geneigt, sondern trotz meines hohen Alters von mehr als sechzig Jahren immer noch aufrecht zu gehen in der Lage bin, an diesen bedeutsamen Tag der Schachtelsätze erinnern, was mich sofort veranlasste, nachzuprüfen, ob ebensolche Schachtelsätze beim weltweit bekannten Alles-Versender Amazon käuflich zu erwerben sind, was zu meiner Erleichterung in der Tat der Fall ist, demzufolge ich gleich eine größere Anzahl an Schachtelsätzen zu bestellen gedenke, denn Schachtelsätze kann man nie genug haben, oder, wie man früher zu sagen pflegte: Denke dran – schaff Vorrat an.

    1. Soll ich das so verstehen, Zucker, dass du Schachteln begutachtest und sie, abhängig von ihrer Größe, ihrer Farbe, ihrer Gestalt und sonstigen ihnen zu eigen seienden Eigenschaften sortierst und sie anschließend, nicht ohne natürlich ihre Herkunft, ihr Alter und darüber hinausgehende Beschaffenheiten zu berücksichtigen, schlichtest, um nicht zu sagen, sie stapelst, dergestalt zum Beispiel, dass die zu unterstliegende sich in oben angeführten Spezifika umgekehrt proportional verhält zu derjenigen, die sich an oberster Stelle, welche naturgemäß einer geringeren gravitativen Kraft unterliegt, was aber eigentlich egal ist, sich befindet und dementsprechend als eine im wahrsten Wortsinn ziemlich untenliegende bezeichnet werden kann?

  5. Es ist kaum zu glauben, und ja, wir haben uns an einen jeden Blödsinn gewöhnt, oder fast, wissen, dass es einen Weltscheißhaustag gibt und dergleichen mehr, das unsinnigste Motto für den Tag erscheint uns längst nicht mehr fremd, sehnen es geradezu fieberhaft herbei und jetzt, jetzt erfahren wir vom Tag der Schachtelsätze und fragen uns natürlich, ob es auf dieser Welt mehr Toiletten als Schachtelsätze gibt und schon fällt es uns wie Schuppen aus den Haaren, dass im Falle eines Falles, uns – oder sagen wir den meisten – eine saubere Toilette wichtiger ist, als jeder kunstvoll gedrechselte Schachtelsatz, so schön dieser sein mag und zu entzücken weiß, und sollte es noch einen freien Tag geben, der noch nicht mit irgend einem Unsinn belegt ist, wäre ein Welttoilettenschachtelsatztag mein Vorschlag, ein Tag, am dem wir, während einer längeren Sitzung auf dem Klosett, wir nicht wie üblich mit dem Smartphone spielen oder telefonieren, sondern anmutigste Schachtelsätze zum besten geben, wenn möglich laut in die Welt hinausrufen, damit diejenigen, denen Schachtelsätze (noch) fremd sind, aufgemuntert und ermutigt werden, selbst Schachtelsätze zu kreieren und ja, sogar eine Welttoilettenschachtelsatztag-Meisterschaft wäre durchaus ins Leben zu rufen, bei welcher Millionen von Menschen während ihrer Notdurft literarisch wertvolles Wortgedrechsel in der Äther hinausposaunen und so – möglicherweise – zu einer besseren Welt beitragen.

  6. Hinsichtlich Schachtelsätzen bitte auch die Ratschläge für einen schlechten Redner von Kurt Tucholsky beachten (Auszug):

    Zitat Anfang
    Fang nie mit dem Anfang an, sondern immer drei Meilen vor dem Anfang! Etwa so: „Meine Damen und Herren! Bevor ich zum Thema des heutigen Abends komme, lassen Sie mich Ihnen kurz …“

    Sprich, wie du schreibst. Und ich weiß wie du schreibst. Sprich mit langen, langen Sätzen – solchen, bei denen du, der du dich zu Hause, wo du ja die Ruhe, deren du so sehr benötigst, deiner Kinder ungeachtet, hast, vorbereitest, genau weißt, wie das Ende ist, die Nebensätze schön ineinandergeschachtelt, so daß der Hörer ungeduldig auf seinem Sitz hin und her träumend, sich in einem Kolleg wähnend, in dem er früher so gern geschlummert hat, auf das Ende solcher Periode wartet. Nun ich habe dir eben ein Beispiel gegeben. So mußt du sprechen.

    Fang immer bei den alten Römern an und gib stets, wovon du auch sprichst, die geschichtlichen Hintergründe der Sache. Das ist nicht nur deutsch, das tun alle Brillenmenschen. …

    Du mußt alles in die Nebensätze legen. Sag nie: „Die Steuern sind zu hoch.“ Das ist zu einfach. Sag: „Ich möchte zu dem, was ich soeben gesagt habe, noch kurz bemerken, daß mir die Steuern bei weitem …“ So heißt das!

    Zitat Ende

    1. @ “Brillenmenschen“ (Tucholsky):

      »Richtig schreibt nur, wer ganze Sätze bildet!« bleute uns Herr Oberlehrer einst im Deutschunterricht ein: »Ein ganzer Satz hat zu enthalten Subjekt, Prädikat, und Objekt.« Und: »Wortwiederholungen sind zu vermeiden! Wer sich an diese Regeln nicht hält, der schreibt nicht ordentlich.«


      Der kleine Willi aber hatte im Unterricht nicht aufgepasst und hielt sich nicht an diese Regeln, darum schrieb er keine richtigen Sätze:

        »Ein Pferd! Ein Pferd! Mein Königreich für ein Pferd!«

      Kein Wunder dass aus dem kleinen Willi kein ordentlicher Schriftsteller wurde, der es mit schreiben jemals zu was gebracht hätte.

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