28. April

Heute vor 145 Jahren wurde der brillante österreichische Wort- & Schriftsteller Karl Kraus (1874-1936) geboren.

    »Der Schwachsinn, der früher nie daran gedacht hätte, aus seinem Privatleben
     her­vor­zutreten, hat eine Gelegenheit für die Unsterblichkeit entdeckt.«


.. monierte er in der “Fackel“, um 1908 – ein ganzes Jahrhundert vor (!) Web 2.0.

11 Kommentare

  1. ein ganzes Jahrhundert vor(!) Web 2.0.
    Da stellt sich jetzt die Frage: Ist der Schwachsinn seitdem noch schlimmer geworden oder ist das Grauen nur sichtbarer geworden? Oder beides?

  2. Beides, glaube ich. Die Gelegenheiten für Schwachsinn haben zugenommen, weil der Mensch heute mehr Zeit hat. Was früher durch Redaktionen und Lektorate gefiltert wurde, kann heute in der prächtigsten Selbstherrlichkeit auf die Bühne. Ein dritter Grund: In den Redaktionen sitzen ebenfalls Produzenten von Schwachsinn, wie Kollege Nömix schon hundertfach nachgewiesen hat.

  3. Freilich ist der Schwachsinn kein neuartiges Phänomen, den gibts schon länger. Mit dem Internet aber, insbesondere seit Web 2.0, bietet sich nun das ideale Vehi­kel, ihn ungefiltert sowie flächendeckend in die weite Welt zu transportieren und der viralen Selbst-Mul­ti­pli­ka­tion anheimzustellen. Wie Jörg Kachelmann sagt: »Auch vor dem Internet gab es in jedem Dorf einen Deppen, manchmal auch zwei. Durch das Internet können sich nun die Dorfdeppen untereinander aus­tauschen und organisieren.«*

  4. Man ist geneigt, dem kulturellen Snobismus zuzustimmen, der bei Karl Kraus und auch hier zum Ausdruck kommt, Kachelmann als Opfer einer Medienkampagne mal ausgeschlossen. Ihm wäre zu entgegnen, dass sein Beispiel hinkt, weil der Dorfdepp in der Regel nicht geschrieben hat. Darum aber geht’s: „Schreiben holt die Gedanken aus ihren natürlichen Kreisen und bringt sie in Sätze und logische Abfolgen. Schreiben zwingt dazu, eine Sache zu Ende zu denken und schult somit das Denken. Schreiben zwingt zum Hinterfragen und trainiert die Beobachtung. Schreiben ist ein kreativ-spielerischer und schöpferischer Prozess. Wer für Leser schreibt, muss sich Wissen aneignen. Und was geschrieben ist, lässt sich nachträglich auf seine Gültigkeit überprüfen.“ Zitat aus:
    http://abcypsilon777.blog.de/2008/01/28/zeitalter_der_schreibenden_affen~3645437/

  5. „Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?“

    Das ist zwar nur ein launiger Spruch, der auf dummes Geschwätz zielt, aber warum sollte er sich nicht abwandeln lassen:

    „Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich lese, was ich geschrieben habe?“

    Beim Lesen mancher Blog- und Foren-Einträge kann man den von Trithemius geschilderten Entstehungsprozess auch mit viel gutem Willen nämlich nicht erkennen. Ich fürchte nur, die Verfasser solcher Texte, lesen ihr eigenes Geschriebenes auch nicht. Schreiben erzieht zum strukturierten Denken nur, wenn eine konstruktive Kritik erfolgt, wobei ein polemischer Schlagabtausch nicht als solche zu werten ist.

  6. Was ist denn die Alternative? Dass die Leute sich ganztägig vom Fernsehen verblöden lassen? Da ist mit doch lieber, sie versuchen sich im Schreiben bzw. in schriftlicher Kommunikation. Bei all dem Quark, der in Blogs und Foren zu lesen ist, überwiegen für mich die positiven Aspekte und ich begrüße die Demokratisierung der technischen Schrift, denn sie schafft angesichts des desolaten Zustands unserer Leitmedien eine dringend notwendige Gegenöffentlichkeit.

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