7. März – Im Telephonmuseum

Heute vor 143 Jahren, am 7. März 1876, erteilte das US-Patentamt Herrn Alexander Graham Bell ein Patent auf seine Erfindung, den sogenannten Telephonapparat. Seinerzeit wurde Herrn Bells Erfindung aller­dings keine große Zukunft vorhergesagt: das Telephon, so las man in der Presse, werde sich in der Allgemeinheit vor­aus­sicht­lich nicht durchsetzen, da es ohne­hin genügend Boten­jungen gebe, um Nach­rich­ten zu übermitteln.

»In den Anfangszeiten der Fernsprechtechnik war es dem Benutzer eines Telefones nicht möglich, eine bestimmte Telefonverbindung zu einem anderen Anschluss selbst auf­zu­bauen. Um eine Verbindung zu bekommen, musste man die Vermittlungskraft im Fern­sprech­amt (umgangssprachlich das „Fräulein vom Amt“) mittels Betätigen eines Kurbel­in­di­ka­tors „wecken“ (dies war tatsächlich der offizielle Ausdruck für diesen Vor­gang). Dem Ver­mitt­lungs­personal teilte man sodann mündlich seinen Verbindungs­wunsch mit, wo­rauf dieses per Handvermittlung die Verbindung aufbaute.«  (Wikipedia)


Am 29. April 1913 aber wurde von der Fa. Siemens & Halske in Spandau der Nummernschalter mit Fingerlochscheibe für den Selbstwählbetrieb zum Patent angemeldet, Abb. rechts: manche junge LeserInnen werden solcherlei antikes Artefakt in natura wahr­schein­lich gar nimmer kennen. Damit begann das Zeitalter der Selbstwähltelefonie.

Drei Jahre zuvor waren die ersten Astronauten auf dem Mond gelandet, aber bis ins Jahr 1972 gehörte Neulengbach im schönen Wienerwald zu den letzten Sprengeln im österreichischen Post-Telefonnetz, welche auf den Anschluss an den Selbstwählverkehr warten mussten. Bis da­hin hatten wir daheim ein schickes Kur­beltelefon ohne Wählscheibe, wie in Abb. links – noch Anfangs der 70er-Jahre, nicht gelogen. Wenn man jemanden anrufen wollte, musste man zuerst kurbeln, worauf sich das Fräulein vom Amt meldete. Der sagte man sodann die Nummer an, mit der man telefonieren wollte, und draufhin stöpselte sie die Verbindung zum gewünschten Teilnehmer durch. Wenn wir als Kinder beim Neulengbacher Postamt vorbeigingen, konnten wir durchs Fenster das Fräulein vom Amt mit ihren Kopfhörern sehen, wie sie da drinnen emsig am Klappen­schrank herumstöpselte. (Kennen Sie die Szene aus den alten Lassie-Schwarz­weiß­filmen? ;)
Das allerletzte österreichische Fräulein vom Amt war indessen ein Mann, am 14. Dezember Anno 1972 stellte er in Karlstein/Thaya im Waldviertel die letzte Telefon­verbindung durch manu­elles Stöpseln her.


(Als ich mir unlängst ein neues Handy anschaffte und dem Verkäufer-Jungspund er­zählte, dass mein erstes Handy noch eine Antenne zum rausziehen hatte, da schaute der mich an als käme ich geradewegs aus dem Kuriositätenkabinett. Das mit unserem Neulengbacher Kur­bel­telefon aus der Prä-Wählscheiben-Ära hätte der mir bestimmt nicht geglaubt.)

11 Kommentare

  1. Dass Reis der Erfinder war, wusste ich. Über Meucci habe ich erst jetzt durch den Link erfahren.
    Heute kann ich mich nicht einmal mehr darüber aufregen. Die Amis werden insgesamt ihr Fett schon wegkriegen.
    Und spätestens dann, wenn sie selbst keine Computer mehr bauen können.
    (Diesmal ganz ohne Ironie, vielleicht mit einer Spur Sarkasmus.)

  2. Mit Beginn der Lehrzeit 1959 in einem Lehrlingswohnheim waren oft Telefonstreiche das abendliche Vergnügen in der Kleinstadt. Gut geeignet dazu war eine Telefonzelle, die sich unmittelbar neben der Post befand. Es gab natürlich bereits den automatischen Wählverkehr, aber Ferngespräche wurden noch per Hand vermittelt. Kam so ein Ferngespräch nicht zustande, gab es die zunächst eingeworfenen 20 Pfennig zurück.
    Das machten wir uns zunutze und führten mit den „Fräuleins vom Amt“ mehr oder weniger sinnvolle Gespräche. Keine Ahnung, wie alt diese Damen waren oder wie sie aussahen, aber sie hatten so angenehm klingende Stimmen, waren schlagfertig und machten fast jeden Jux mit.
    Das ging so lange gut, bis es uns gelang, eines Tages ein . . . heute würde man Date sagen, auszuhandeln. Wann? Natürlich sofort! Wo? Na hier!
    Geht mal aus der Zelle und schaut zum Fenster hoch.
    Was wir nicht wussten war, dass sich das Fernsprechamt im Obergeschoss der Post befand. Dort öffnete sich ein Fenster und heraus lehnten sich zwei Frauen, die unsere Mütter hätten sein können.
    Unten war es etwas dunkler und wir hofften, dass unsere roten Ohren nicht bis nach oben geleuchtet haben.

  3. Das waren Zeiten! Mein erstes C-Netz-Autotelephon war genauso groß wie ein Pilotenkoffer, mit 1-Meter-Peitschenantenne zum magnetisch auf´s Autodach aufpfropfen. Manchmal blies der Fahrtwind die Antenne vom Autodach, dann baumelte die am Kabel herab.
    So sah es in den „seligen“ Alcatel-Zeiten aus: https://de.wikipedia.org/wiki/C-Netz#/media/File:Bosch_SE_0F7-IMG_1891-white.jpg
    Während man beim telephonieren an einen größeren Gebäude vorbeifuhr, verschwand man jedesmal auf Nimmerwiederhören im Funkschatten :_)

  4. Wär heut, adequat auf´s Zeitgeistige gebracht, Telefonsex. Mehrwertnummern, wo sich eigentlich niemand vorstellen möcht, er da am anderen Ende der Leitung wirklich sitzt.
    (Obschon, eigentlich ist das wahrscheinlich auch schon Geschichte)

  5. Für Smartphones gibt´s tatsächlich ein App mit dem man per Wählscheibe wählen kann.
    Es ist zu vermuten, dass in unmittelbarer Zukunft das „Telefonfräulleinapp“ zur Marktreife gelangt.

  6. Ich frage mich manchmal – da ich ja auch noch zu denen gehöre, die die Anfänge des Telefonierens erlebt haben – ob wir uns mit dieser Technologie nicht einen Bärendienst erwiesen haben:
    Allzeit erreichbar, immer in Bereitschaft – und ein schlechtes Gewissen, wenn man mal nicht ‚verfügbar‘ ist ….

  7. wenn heut schon so ein schöner gedenktag ist, möchte ich allen, die herrn camilleris „der unschickliche antrag“ nicht kennen, ebendiese lektüre herzlichst empfehlen. originaltitel ist „la concessione di telefono“, damit irgendwie klar ist, warum mir grad dieses buch eingefallen ist;-)

  8. Sehr schöne Geschichte…ich musste zum Kauf des ersten Handys noch in ein dubioses Industriegelände zu einem genauso dubiosen Autohändler…der hatte die Ericsson Vertretung, Telefonläden gab es damals noch nicht…und kurz darauf bekam ich einen kleinen Reisekoffer mit der Nummer 0003 von Motorola, oben drauf ein Telefonhörer mit Kabel, das ganze trug man als Umhängetasche durch die Gegend…dann klingelte das Teil irgendwann in Dortmund mitten in der Einkaufsstrasse…alle blieben stehen und blickten sich suchend um, ich inklusive…dauerte ne gute Minute bis ich realisierte dass das meine Telefonmaschine war :-) Grüsse von Jürgen

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