5. Dezember

Heute vor 90 Jahren wurde mein Vater geboren, in Haida bei Reichenberg/Deutsch­böhmen (heute Liberecký kraj/CZ), leider starb er früh. Als 16-jähriger wurde er ein­gezogen, geriet in italienische Gefangenschaft, nach Kriegsende war eine Rückkehr in die alte Heimat nimmer mög­lich. Familienfotos zeigen ihn gleichgroß wie meine Brüder und mich, alle um die 1,80. In sei­nem Wehrpass stand aber, als er dazumals ein­rückte: Größe 1,70 – ein Halbwüchsiger noch, der in den Krieg ziehen musste und erst als Erwachsener wie­der­kam, wie viele damals. Als Staatenloser, und heimatlos.
Ich habe eine Messing-Armbanduhr von ihm geerbt, die er anno sei­ner­zeit von seiner Auto-Haftpflichtversicherung für fünfzehn Jahre unfall­freies Fahren gekriegt hatte, und einen Rasier­pinsel. Den Rasier­pinsel verwende ich noch immer, er schaut nimmer ganz neu aus, aber funktio­niert noch tadellos.

9 Kommentare

  1. klingt so ein bisschen wie die geschichte auch meines vaters. schön, das mit dem rasierpinsel und der unfallfrei-uhr. heute kriegt man ja nix mehr für sowas.

  2. es ist wunderbar, dass die eltern in der erinnerung weiterleben, und dass man diese erinnerungen auch manchmal „rauslassen“ kann. den wahren wert der eltern erkennt man leider meistens erst zu spät.
    wie gut, dass es rasierpinsel und messing-armbanduhren gibt.

  3. Ich finde es schön, dass Sie den Rasierpinsel noch im Einsatz haben. Um ihn noch länger nutzen zu können, sollte er jedoch im Kopfstand gelagert werden, d.h. die Dachshaare sollten nach unten schauen, sonst quillt der Dachshaarbund auf und sprengt den Stössel.

  4. Danke für die Erläuterung, das habe ich nicht gewusst. Tatsächlich hat der Stössel seit Jahrzehnten einen Haarriss, werde ihn zukünftig jedenfalls gemäß Ihrer Empfehlung hängend aufbewahren, damit der nicht noch größer wird und womöglich zerspringt.

  5. Eine schöne Würdigung Ihres Vaters schreiben Sie hier, und der in Ehren gehaltene Rasierpinsel vervollständigt das Bild. Blieb Ihr Vater nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft staatenlos oder wurde er automatisch Österreicher?

  6. Leider weiß ich über die frühen Jahre meines Vaters nur wenig, manches davon auch erst aus Erzählungen meiner Mutter spät nach seinem Tod. Als Sudetendeutscher wurde er wegen Mittellosigkeit der Familie (er wuchs vaterlos auf) mutterseelenallein als 14-jähriges Büblein zu entfernten Verwandten nach Österreich verschickt, wo er eine Lehre antrat und noch als Lehrling einrücken musste. Während seiner Gefangenschaft fand die Ver­treibung der Sudetendeutschen statt, und seine Mutter und Schwester hatten unter­dessen Zuflucht im Rheinland bei anderen Verwandten gefunden. Mein Vater aber kehrte aus der Ge­fan­gen­schaft wieder nach Österreich an seine Lehrstelle zurück, wo er erst als Voll­jähriger (damals mit 21 Jahren) eingebürgert wurde.

    (Aber wissen Sie, was ich an der Geschichte meines Vaters am bewegendsten finde: dass er nämlich trotz all der bitteren frühen Erfahrungen – Notlage in der Kindheit, als Halbwüchsiger familienlos fern der Heimat auf sich alleingestellt, freudlose Jugend in Krieg & Gefangenschaft – ein lebensfroher, leutseliger und beliebter, herzlicher und humorvoller Mensch war, ohne Spur von Verbitterung. Mit großem Freundeskreis und ungemein ausgeprägtem Familiensinn.) (Und mit Schmäh & Charme überdies ;)

  7. Da sagen Sie was, lieber Nömix… Vielleicht konnte Ihr Vater das, was viele Menschen dieser so gebeutelten Generation konnten: Über das große Muss hinweglächeln.

    Meine Mutter, geb. 1938, wurde mit vier Jahren mit dem Poliovirus infiziert und hatte für den Rest ihres Lebens mit einem ziemlich schweren PPS (Post-Polio-Syndrom) zu kämpfen. Damit hat sie den Krieg überlebt (und später zwei Ehemänner noch dazu), die gesamte DDR mitgemacht, zwei Kinder geboren und erwachsen gemacht und noch 27 Jahre im real existierenden Kapitalismus durchgestanden (leider ist dieses Wort für schwer Gehandicapte zutreffend).

    Nie hat sie gejammert, nie war sie verbittert. Ihr Freundeskreis war auch gleichzeitig ihr riesiges Netzwerk, in dem sie Hilfe für sich selbst und andere, denen es noch mieser ging als ihr, organisierte. Sie kannte nicht nur Hinz und Kunz, sondern auch deren Neffen, Nichten und Tanten – und alle kannten und mochten meine Mutter. Sie wusste was sie wollte und wie sie es bekam. Von ihr habe ich gelernt was Lebensfreude ist und worauf es im Leben ankommt, vor allem auch beim Feiern.

    Über das große Muss hinweglächeln… Vielleicht ist das etwas, was Menschen nur lernen können, wenn sie der Umstände wegen bis zum Grund ihrer Existenz gezwungen wurden?
    Ihr Vater war im Krieg. Ich kann mir vieles vorstellen und habe viele Bilder und Berichte von Krieg gesehen und gelesen, aber wie groß das Fragezeichen ist, das im Krieg hinter der eigenen Existenz steht und wie sich das anfühlt, dass kann ich mir nicht vorstellen. Ich kenne, trotz aller erlebten Umbrüche, „nur“ den Frieden.

    Meine Mutter hatte Polio. Ich habe ihre Probleme jeden Tag direkt erlebt. Wie groß ihre Schmerzen waren, kann ich nur mit einem Blick von außen beschreiben. Vorstellen kann ich sie mir nicht, weil ich selbst noch nie solche und so starke Schmerzen hatte.

    Ganz subjektiv betrachtet gibt es heutzutage für mich viel mehr Menschen die jammern und klagen und meckern und nölen, als solche, die „Scheiß drauf!“ sagen und von vorn be­gin­nen, dabei niemand anderem schaden und oben drauf auch noch für andere da sind und sei es nur mit einem freundlichen Wort oder Lächeln.
    Wir leben im totalen Wohlstand und dennoch grassiert eine Unzufriedenheit, die nur noch staunen lässt. Ja, vieles Läuft nicht korrekt bei der Verteilung des Wohlstandes, bzw. die Teilhabe daran. Das ist alles andere als gerecht und es gäbe da viel zu tun. Aber das ist ein anderes Thema.

    Was ich mich manchmal frage, ist, ob es den Leuten an diesen existentiellen Herausfor­de­rungen fehlt – in unseren Gesellschaften des Überkonsums, der Reizüberflutung, des „Infor­mation overflow“ und der falschen Träume?

    Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Keinesfalls will ich Krieg und Krankheit (in den Formen der damaligen Zeit) erleben, nur damit die Wohlstandsverwöhnten (oder sollte man Wohl­standsverwahrloste sagen?) lernen, was im Leben wirklich wichtig ist und am Ende zählt.

    Vielleicht aber braucht es mal wieder so ein großes, noch nie dagewesenes und kollektives „Erweckungserlebnis“, damit die Gesellschaften wieder zur Ruhe kommen? Ich habe keine Bedenken, dass es nicht dazu kommt. Zu viele Herausforderungen hämmern mit den Fäusten an die Tür. Aber mir hilft es ungemein, wenn mich mal wieder irgendwas im Alltag piekst, mich an meine Mutter zu erinnern und wie sie ihre Probleme gemeistert hat. Dann lächle ich über das große Muss hinweg und plötzlich geht etwas, was vorher nicht ging oder etwas anderes ist nicht mehr ganz so schlimm, wie es zunächst aussah.

    Lieber Nömix, ich danke Ihnen vielmals für Ihren kleinen Text über Ihren großartigen Vater. Er hat mir meine Mutter gerade sehr präsent gemacht.

    1. @ Olaf: Ihr Textbeitrag über Ihre Mutter hat mich ebenfalls berührt, danke dafür.
      Wie wahr: welche Herausforderungen zu meistern, Bürden und Beschwernisse zu ertra­gen unsere Eltern- und Großelterngeneration doch hatte – und wie klein­lich ist dagegen das Aufbegehren wegen im Vergleich dazu unbedeutender Ein­schrän­kun­gen wie Masken­tragepflicht oder Partyverbot, welche die heutige Generation zum Schutz der Gesundheit der älteren zu ertragen hat.

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