30. September

Heute ist der Internationale Übersetzertag, nämlich am Todestag des Heiligen Hieronymus, Schutzpatron der Dolmetscher & Übersetzer.

Übersetzungen stechen mitunter durch grobe Unsinnigkeit hervor, inbesondere als Resultat hirnlosen Übersetzens von englischen Pressetexten: so werden dann etwa »billions« zu »Billionen«, »alien life forms« zu »Aliens« und »50.000 troops« (= Soldaten) zu »50.000 Truppen«.

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Klassische Beispiele für gravierend sinnentstellende Übersetzungsfehler finden sich indes bereits im Buch der Bücher, wo aus dem aramäischen Urtext etwa ein Seil (“gamta“) zu einem Kamel (“gamla“) fehlübersetzt wurde, welches seither sprichwörtlich durchs Nadelöhr geht.

(Selbst kleine Fehler können große biblische Wunder bewirken: wenn nämlich »er [Jesus] ging an den See« stattdessen als »ging auf dem See« übersetzt wird. Kollege KrassNick reimt über besagtes Seewunder [Mt 14,25] übrigens die launigen Verse:

    Es rief die Menge: »Seht,
    ein Wunder!
    Über den See Genezareth
    schreitet der Herr, und geht
    nicht unter!«

    Über das Wasser schritt der Herr.
    Doch allerdings verriet er der
    verblüfften Menge später:
    »Das Wasser war ja, bittesehr,
    eh nicht so tief: im Schnitt nicht mehr
    wie fuffzehn Zentimeter.«)

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© mit freundl. Genehmigung M. Krassnig

15 Kommentare

  1. Auch wörtliche Übersetzungen können ganz falsch sein, wie hier:
    In der Kriminalerzählung „Anyone for Murder“ von Jack Ritchie, 1991, (deutsch: „Geschäft: Mord“, in: „Einzelhaft“, Geschichten aus dem Amerikanischen, Diogenes 1995) bietet sich ein Psychologieprofessor zu Testzwecken per Zeitungsinserat als Gattenmörder an. Er bekommt einen Antwortbrief, der den Rückschluss zulässt, dass er von seiner eigenen Ehefrau stammt. Heimlich testet er die Schreibmaschine seiner Frau, indem er schreibt: „Der flinke rote Fuchs springt über den faulen Hund.“ Im Original wird hier der Fernmeldersatz THE QUICK BROWN FOX JUMPS OVER THE LAZY DOG stehen. Der Psychologieprofessor schreibt also alle Buchstaben des Alphabets, um die Schreibmaschinentypen auf Besonderheiten untersuchen zu können. Da der Autor den Vorgang unerklärt lässt, muss er davon ausgehen, dass der Satz amerikanischen Durchschnittslesern bekannt ist. Der deutsche Übersetzer kannte ihn offenbar nicht. Die Funktion des Satzes wird bei seiner wörtlichen Übersetzung natürlich nicht deutlich, weil „DER FLINKE ROTE FUCHS…“ eben nicht alle Buchstaben des Alphabets enthält. (aus: Buchkultur im Abendrot)

      1. @Dieterkayser
        Eigentlich könnte der Originalsatz auch unübersetzt bleiben.Was meinst du? Da er offensichtlich nicht sinnvoll ist, kommt der Leser vielleicht selbst auf seine Funktion. Anderenfalls wüsste er auch nicht, warum die Boxkämpfer jemanden quer durch Sylt jagen sollten.

    1. Ähnlich ist es mit Shave and a Haircut, Two Bits, das sprachrhythmisch eine bestimmte musikalische Schlussformel nachahmt. Der Übersetzer von Terry Pratchett kannte das nicht und hat das dann Einzelwort für Einzelwort übersetzt, was natürlich überhaupt keinen Sinn ergibt. (Ich weiß allerdings nicht mehr, in welchem Roman.)

      Und dann ist da noch der Roman „The Five Red Herrings“ von Dorothy Sayers, der auf Deutsch ursprünglich als „Fünf rote Heringe“ erschien und jetzt angemessener als „Fünf falsche Fährten“ angeboten wird.

    2. Übersetzer sprechen bei solchen gewollt-aber-nicht-gekonnten wörterbuchbasierten Fehlleistungen gelegentlich nicht von übersetzt, sondern von übergesetzt. Leute, die sowas produzieren, sind dann nicht Übersétzer, sondern ´Übersetzer…

      Und zu Wörterbüchern gibt es noch diese hübsche Szene aus einem Übersetzerseminar:
      Student trägt die eigene Übersetzung eines Satzes mit einer deutlich unpassenden Vokabel vor.
      Dozent, befremdet: Wo haben Sie das denn gefunden?
      Student: Im Wörterbuch.
      Dozent: Dann lassen Sie es doch dort!

      1. »When you leave* yourself on a dictionary to ferry this text across the river*, a nonsensical speed increaser* comes out.«

  2. Dilettantischer Unsinn wird zuweilen auch von technisch und/oder rechnerisch unbedarften Übersetzern hervorgebracht: so wird etwa in der deutschen Synchronisation einer US-Dokuserie über Lkw-Fernfahrer ein Eighteen-Wheeler beharrlich mit »Neunachser« übersetzt – ein typischer Fall von milchmädchenmathematischem Umrechnungsfehlschluss ;)

    (In einer deutschen Übersetzung/1968 von Tom Wolfes großartigem Essay “The Last American Hero“ über die NASCAR-Autorennen in den USA las ich, die Rennwägen hätten »riesige 1000-Kubikzentimeter-Motoren« und dachte: wie bitte, riesig? 1000 Kubikzentimeter Hubraum ist weniger als ein VW-Käfer hat – was soll der Unsinn?
    Wolfes Originaltext kenn ich nicht, aber höchstwahrscheinlich ist dort von 400-Kubikzoll-Motoren die Rede, was die technisch & mathematisch ahnungslose Übersetzerin indes eindeutschte indem sie einfach umrechnete: ein Zoll ist 2,5 Zentimeter, folglich muss ein Kubikzoll 2,5 Kubikzentimeter sein. Wenn sie im Mathe-Unterricht besser aufgepasst hätte wüsste sie freilich, dass 1 Kubikzoll mitnichten 2,5 sondern vielmehr 2,5 hoch 3 Kubikzentimeter ist. Tatsächlich hatten die riesigen Motoren also mehr als 6 Liter Hubraum statt nur einem.)

  3. Um einmal ein positives Beispiel zu nennen: Georges Perec leipographischer Roman (ohne e) Anton Voyls Fortgang ist von Eugen Helmlé kongenial aus dem Französischen übersetzt worden, was schwieriger war, als im Original alle „e“ zu vermeiden. Das Deutsche hat mehr „e“ als das Französische, zudem konnte Perec die Handlung frei bestimmen, wenn es darum ging, ein sich aufdrängendes „e“ zu vermeiden.

    1. Ja, positiv hervorragende Beispiele gibts freilich auch: gewiss hätten etwa ein Ephraim Kishon oder ein Charles Bukowski kaum jemals ein deutschsprachiges Millionenpublikum begeistert ohne ihre Entdecker & kongenialen Übersetzer Friedrich Torberg oder Carl Weissner.

      1. Das Problem mit den guten Beispielen ist, dass sie nicht so auffallen, weil da einfach alles passt und stimmig ist. Das ist auch in dem oben verlinkten Übersetzergespräch erwähnt worden.

    1. Ein Glück für Herrn Hieronymus
      dass er bereits verblichen ist
      und all den übersetzten Stuss
      und Blödsinn nimmer lesen muss,
      welchen man heutzutage liest. ;)

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