Über das Älterwerden – paar Zitate & reichlich Herumgemosere

Wenn man über fünfzig ist und in der Früh aufwacht, ohne dass einem was wehtut – dann ist man gestorben, so besagt eine Volksweisheit.

»Natürlich ist Altwerden kein reines Vergnügen. Aber denken Sie mal an die einzige Alter­na­ti­ve.« sagte der kluge Robert Lembke, und natürlich hat er mit seinen Worten recht. Tröstlich sind sie indessen nicht. Kollege Wortmischer wiederum zitiert Cicero, welcher einst dia­gnos­tizierte: »Nicht das Alter ist das Problem, sondern unsere Einstellung dazu.« – Was an dem Problem per se freilich auch nix ändert: altersbedingte Malaisen sind keine Ein­stel­lungs­sache, sondern schnöde Unabänderlichkeiten. »Altern ist eine Zu­mutung« brachte es der altersweise Loriot auf den Punkt.
Genug mit Zitaten herumgeworfen. Nein, warten Sie, eins noch:

    »Ein Mann mit weißen Haaren ist wie ein Haus, auf dessen Dach Schnee liegt. Das
    be­weist aber noch lange nicht, dass im Herd kein Feuer brennt.«  (Maurice Chevalier)


(»Zitieren ist die Methode, Bildung mit etwas zu belegen, was man nicht gelesen hat.« tadelt Volker Dietzel zwar, was ich aber nicht unwidersprochen auf mir sitzen lassen mag – zu­wei­len pflege ich zu gegebenem Anlass etwa Goethes Götz zu zitieren, durchaus ohne damit Bildung be­le­gen zu wollen. Obwohl ich ihn gelesen habe.)

Zurück zum Thema: Monsieur Chevaliers schöner Vergleich mag ja zutreffen, was aber wenn des Mannes Dach unter dem Schnee herausapert? (wenn ihm also »der Kopf durch die Fri­sur wächst«, wie meine Tante Jetta es nannte.) (Kollege KrassNick erläuterte mir übrigens, wenn sich bei Männern mit fortschreitendem Lebens­alter die Kopfbehaarung lichtet, sei es kei­nes­wegs so dass die Haare ausfallen, wie irrtümlich angenommen. Vielmehr kehren diese le­dig­lich ihre Wuchs­richtung um und wachsen nach innen in den Kopf zurück, um später aus den Ohren und Nasen­löchern wieder rauszukommen.) Mitnichten von des Lebens grünem Lenz kündet die Aus­ape­rung der Ka­lotte, vielmehr von fortgeschrittener Sai­son, gefolgt am bittern Ende vom Winter unsers Missvergnügens. (Hoppla, schon wieder ein Zitat.)

Haupthaarschwund als Altersbegleitsymptom trifft den einen eher, den an­dern später, man­chen nie. Siehe z.B. die Brüder R.: der jüng­ste hat keine Haare mehr, der mitt­le­re nur mehr wenig, der älteste noch alle. (Lukas R., Kabarettist: »Wenn ich meinen jüngeren Brüdern was zu­fleiß tun will, schenk ich ihnen zum Geburtstag einen Kampl.«) [Kampl, österr.= Kamm]


Ich habe eben­falls zwei jüngere Brüder, und zufällig verhält sichs bei uns genauso. Ziemlich un­gerecht, möchte man meinen, aber was im Leben ist schon gerecht. Das Älterwerden je­den­falls nicht. Altern ist eine niederträchtige, obszöne Gemeinheit, die uns die Natur beschert.

Man ist so alt wie man sich fühlt, lautet eine weitere Binsenweisheit – aber jetzt frage ich Sie: was soll daran ein Trost sein? Mein Großonkel K. musste als Neunzigjähriger ins Altersheim, und auf die Frage wie er sich dort fühle beklagte er sich, dort von lauter alten Krachern um­ge­ben zu sein: obwohl die meisten um Jahrzehnte jünger waren als er. Wie deprimierend. Nicht die Ein­stel­lung ist das Problem, wie uns Cicero weismachen will, sondern das Alter.

»Ja, lang leben will halt alles, aber alt werden will kein Mensch.« (Johann Nepomuk Nestroy) – Erkennen Sie das Dilemma?
(Leider hilft uns das Herumgemosere darüber auch nicht weiter. Genug he­rum­ge­mo­sert also für heute.)


(Beitrag zu Frau Quadratmeters Blogaktion: #älterwerden)

10 Kommentare

  1. Wie sehr ich Ihnen zustimme was die kleinen Zipperlein angeht! Es ist allerdings der Umgang mit dem Unvermeidlichen, der bisweilen nervt. In unserem Bekanntenkreis meide ich mittlerweile jene Zeitgenossen, die als erstes ihre Krankengeschichte ins Detail schildern wollen – sowas zieht mich herunter, das brauche ich nicht, denn ich erlebe es am eigenen Leib. Täglich.
    Meist sind es ja auch gar keine Krankheiten, sondern lediglich Befindlichkeitsstörungen über die da schwadroniert wird.

    Was ich sehr bedauere ist die Tatsache irgendwann nicht mehr zu erleben was auf der Welt passiert. So viele Dinge von denen ich gern jetzt schon wüßte wie es weitergeht ….

    Der Vorteil des älter werdens ist andereseits die Zunahme an Erkenntnis. Einmal bemerkt man die Bestätigung dessen, was man als jüngerer Mensch nur ahnen konnte. Weil im Lauf der Jahre irgendwann Ereignisse diesen Vermutungen entsprechen. Zum Anderen gewinnt man Abstand zu den Tagesereignissen, weil man über einen längeren Zeitraum beobachten konnte wie wenig ein einzelnes Ereignis den Lauf der Weltgeschichte ändert.

    Die „Gerechtigkeit“ des unausweichlichen Todes – völlig unabhängig von dem wer und was diese Person war – ist mir zugleich Genugtuung und Hoffnung. Hoffnung darauf, dass die kommenden Generationen möglicherweise ein besseres Leben hinbekommen als meine ….

  2. Schöner Text, lieber Kollege. Ich will Ihren Zitaten noch hinzufügen, was Salvador Dalí gesagt haben soll. Als Reporter ihn zum 80. Geburtstag nach dem Lebensgefühl fragten, sagte Dalí: „Morgens ohne eine Erektion aufzuwachen – ha! Köstlich!“

    Und was Tröstliches: Als der isländische Skalde Egil in hohem Alter mit einem Freund auf dem Markt war, sagte er: „Minder verhöhnten uns die Weiber, als wir noch jung waren.“
    Ich weiß nicht, warum ich mir das gemerkt habe, finde aber tröstlich, dass die jungen Weiber, die damals über Egil lachten, inzwischen selbst längst verröchelt sind. Damit habe ich mich getröstet, wenn meine jungen Freunde vom HACK-Verein mich wegen meines Alters gefoppt haben.

  3. Sehr tröstlich Worte zum Thema, mein Wochenende ist gerettet. (Diese Anmerkung zur Wuchsrichtungsumkehr des Haupthaus werde ich übrigens aufs Genaueste im Auge behalten. Ich kann es kaum erwarten!)

  4. @ wvs, @ Trithemius,
    ja, Genugtuung oder Trost beim Altern spendet allein die Gewissheit, dass es auch sonst keinem er­spart bleiben wird (ein schwacher Trost halt leider nur ;)

    Sich mit dem Alter anfreunden«, vernimmt man allenthalben als Floskel – wenn ich so einen Blödsinn schon höre. »Zwei Dinge im Leben bleiben keinem erspart,« um noch eine Redensart zu strapazieren, »der Tod, und der Stuhlgang.« Mit denen muss sich, weil ebenso unvermeidlich, auch jeder abfinden, aber wer will sich deswegen mit denen »anfreunden«? Freunde kann man sich aussuchen, sein Alter nicht. Mein Alter und ich werden in diesem Leben jedenfalls keine »Freunde« mehr.)

  5. @ wortmischer
    Warten Sie’s nur ab: Sie werden auch feststellen können, dass sich mit zunehmendem Alter Wuchsfreudigkeit und Ro­bustheit sprießender Ohr- & Nasenbehaarung re­zi­prok pro­por­tional zu der des ermattenden Haupthaars verhalten. Ist das nicht er­freu­lich? ;)

  6. Da ich mich gerade berufliche mit dem Thema Alter befasse, vor allem mit den umfangreichen Möglichkeiten die jeder hat möglichst sselbstbestimmt alt zu werden, ohne auf fremde Hilfe angewiesen zu sein……bin ich über ein Zitat gestolpert, was ich niemals besser hätte beschreiben können….vor allem bei den Herren, wenn sie denn einer deutlich jüngeren Dame begegnen:-)))))!

    „Es gibt eine Art körperlicher Bewegungen, deren unbeholfenes Tempo und mit Gewalt erzwungenes Federn ein gewisses Alter unbarmherzig enthüllen“
    Honoré de Balzac
    (1799 – 1850), französischer Philosoph und Romanautor

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