Ganz nah am Geschehen

Man kennt das ja: wenn irgendwo irgendwas geschehen ist, folgt in der medialen Be­richt­erstattung so zuverlässig wie un­ver­meidlich der Auftritt »Ohrenzeuge des Ge­schehens«, wel­cher im Interview so un­ver­meidlich wie zuverlässig stets das gleiche zu berichten weiß:

    »Ich bin gerade irgendwo [Büro/Garten/vorm Fernseher/sonstwo] gesessen, als ich plötzlich irgendwas [Krach/Sirene/Schreie/sonstwas] hörte. Ich bin dann irgend­wo­hin [nach unten/draußen/sonstwohin] geeilt – undsoweiter.«

Besonders spannend werden solche Ohrenzeugenberichte freilich erst, wenn es sich da­bei um mediale Berichterstattungsprofis höchstpersönlich handelt:


Das klingt spannend. Schau mer mal was die Kollegin, die ganz nah am Geschehen (bzw. »dabei«) war, darüber Berichterstattenswertes zu berichten weiß:


– undsoweiter. Spannend.
Zur anschaulichen Illustration des Geschehenen nicht fehlen darf das nachträgliche »Vor Ort«-Selfie am Schauplatz des vorangegangenen Geschehens, gemäß der von Kollege Karl »So erlebte ich« W., dem legendären ÖSTERREICH-Pappkameraden, be­grün­deten Tradition.

8 Kommentare

  1. die berühmten drei journalistischen N (nähe/nutzen/neues) für eine gute und interessante story werden so immer mehr ad absurdum geführt, denn ich weiß Nie, welchen Nutzen mir diese vorgegaukelte Nähe bringen soll.

  2. Kann sich eigentlich noch jemand daran erinnern, welchen Anspruch Wolfgang Fellner bei der Gründung von ÖSTERREICH weiland hinausposaunte?
    „Österreich wird die Süddeutsche Österreichs“, meinte er.

    Mission accomplished?

  3. Als “Bild-Zeitung ohne Eier“ definierte Armin Thurnher seinerzeit die genannte Schmarrnpostille. Mittlerweile aber handelt es sich bei diesem Dumpf- & Stumpf­sinns­kumulat um Österreichs auflagenzweitstärkstes Gratis-Volksbildungsorgan.

  4. War ja klar, daß sich die Schlagzeilen…

    „ÖSTERREICH-Redakteurin war dabei“ – oder
    „ÖSTERREICH-Reporterin: So erlebte ich die Horror-Tat“

    …für die Leser interessanter anhören als:

    „ÖSTERREICH-Reporterin erlebte von der Horror-Tat nichts, weil sie nicht dabei war“

    Obwohl die dritte Schlagzeile ein Euzerl eher der Wahrheit entsprechen würde als die ersten beiden…aber welchen Leser würde denn interessieren, in der Zeitung zu lesen daß eine Reporterin bei einem Geschehen nicht dabei war – weil sie nämlich „gerade im Büro gesessen“ ist? (Leser-)Bauernfängerei sagen wir im Mühlviertel zu sowas ;-)

  5. Die übliche Clickbaiting-Nummer halt, wie sie allenthalben systematisch abgezo­gen wird: (Leser-)Verblödungsprogramm nennt’s Kollege Trithemius, Leser-Verarschungsprogramm nenn’s ich.) Mit einer (den banalen Tatsachen entsprechen­den) Schlagzeile wie »Wal frisst Fisch« wirds schwerer gelingen, das zu ködernde Leser-Klickvieh zum Anklicken des hinter einer Klickschwelle verlinkten Artikels (über ebenjene banale Tatsache) zu motivieren, als mit der Schlagzeile:


    (ÖSTERREICH.at)

    (Dass Orcas [Schwertwale] mehr als neun Meter lang und über sechs Tonnen schwer werden und gelegentlich Haie fressen, ist nix neues und hinreichend dokumentiert. Was an der Story also mysteriös oder gar ein “gigantisches Rätsel“ sein soll, ist ledig­lich die Frage: was daran mysteriös sein soll?)

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