Alkoholisches


Das ist natürlich grober Unsinn, kaum jemand erwacht mit (einem Blutalkoholspiegel von) 6,44 Promille »Alkohol im Körper« jemals wieder aus dem Koma, schon gar nicht würde wer damit zur Arbeit wollen. Was von einem Alkometer (österr.: Alkomat) tatsächlich angezeigt wird, ist der Alkoholgehalt in der Atemluft, aber nicht im Körper (d. i. im Blutkreislauf). Dass ein Schluck aus der Flasche unmittelbar vor einer Alkomat-Messung zu astronomischen Messwerten in der Atemluft führen kann, ist nichts ungewöhnliches. Wie sich im konkreten Fall ja auch erwies, bewirkte bereits eine Mundspülung eine Reduktion des Messresultates um beinah ein dreiviertel Promille – was freilich keineswegs bedeutet dass die Frau daraufhin plötzlich nur mehr 5,72 »Promille Alkohol im Körper« gehabt hätte, sondern a priori wesentlich weniger.
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Ceterum censeo: Man muss nicht alles glauben, was in der Zeitung steht.

11 Kommentare

  1. Hallo Nömix
    Na, dass nenne ich jetzt aber mal eine zuverlässige Arbeitskraft.
    Ich hätte bei 2 Promille schon die Segel gestrichen, sofern ich mich überhaupt bis dahin saufen könnte ;-)
    Grüßli in die Weihnachtszeit :-)

  2. Diese Meldung wirft Fragen auf:
    1.)
    Welch grausamen Beruf übt diese arme Frau wohl aus, dass sie sich so viel Mut antrinken muss, um zur Arbeit zu torkeln gehen?
    2.)
    Sie wollte zur Arbeit – und stürzt in Erfurt.
    Gibt es denn in Erfurt keine Arbeit?

  3. Als oller Ex-Erfurter kann ich sagen: An der Stadt lag es nicht. Aber vielleicht lag es an der Situation, in der sich viele Menschen dort befinden.

    Lo liegt da gar nicht so falsch. Es gibt nur wenig gute Arbeitsplätze, weil es kaum produzierendes Gewerbe gibt. Vor allem die Billiglohn-Branche der Call-Center ist dort gut vertreten – und das bei dem Dialekt, den die Erfurter haben ;o). Als Call-Center-Lohnsklave kann man jedenfalls schon ein paar mal das Unternehmen wechseln und trotzdem im gleichen Beruf in der gleichen Stadt arbeiten. Übrigens weiß ich ganz sicher von einem Call-Center in Erfurt, das einem österreichischen Mobilfunker gehört – weil die Löhne in Thüringen „so schön niedrig“ sind und (nicht nur) deshalb auch die Tarife in Österreich. Irgendwoher muss der Gewinn ja auch kommen.

    Aber ich will nicht nur böse unken. Erfurt ist schön und immer eine Reise wert. Erfurt hat eine wunderbare Altstadt, viel Geschichte und die Menschen sind freundlich, offen und interessiert. Alles ist renoviert, schmuck und einladend. Wenn ihr könnt und mal nicht wisst, in welche Stadt euch ein Städtetrip führen soll, dann wählt Erfurt. Ganz in der Nähe, nur um die 20 Km weit weg, ist Weimar und in die andere Richtung die alte Residenzstadt Gotha (Weimar ist Gotha immer vorzuziehen) und noch ein Stück weiter, in Eisenach steht das Sinnbild der deutschen Burgen, die Wartburg.

    Und sollte euch dort doch mal jemand begegnen, der eine tödliche Dosis Alkohol intus hat, dann ruft ihr einfach nach der Polizei. Die kümmert sich darum… ;o)

  4. Ich bestätige es gern: Erfurt ist wirklich eine Reise wert und so schön, wie oben von Olaf beschrieben. Ich habe aber auch mit Erschrecken dort, nur wenige Geh-Minuten von der Altstadt entfernt, sehen müssen, dass die Parterrefenster ganzer Häuserzeilen zugemauert sind, weil dort niemand mehr wohnt. Vielleicht, weil die Menschen dorthin gezogen sind, wo Arbeit zu finden ist?

  5. @ Olaf,
    der nämliche Gedanke war natürlich auch mein erster: welche Existenznot mag einen Menschen umtreiben, um noch die Willenskraft aufzubringen sich unter derart extremer Alkoholbeeinträchtigung (selbst wenn man die absurde Promille-Hochrechnung in dem Zeitungsartikel relativiert) pflichtbewusst an den Arbeitsplatz zu schleppen. Und welches Elend erwartet einen dort, dass man sich schon morgens auf dem Weg dahin so massiv betrinken muss, um es überhaupt durchzustehen. Mein Bedauern gilt der trunksüchtigen Frau in gleichem Maße wie mein Respekt vor ihrem ungebeugten Arbeitswillen.

  6. Nömix, als ich noch die Redaktion einer Krankenkassenzeitschrift innehatte, war ich auf Reportage vor Ort in einer Oldenburger Notaufnahme – und zwar in der Walpurgisnacht. Um 17.00 Uhr torkelte ein Mann mit vier Promille im Blut auf eigenen Wunsch wieder ins Freie (man darf ja niemanden gegen seinen Willen dort festhalten), drei Stunden später wurde er mit 6,8 Promille im apathischsten Gaga-Zustand wieder eingeliefert. Da lag er dann auf dieser Gummmimatratze mit der Abflussrinne …

    Als begleitende Lektüre ist Jerofejews ‚Die Reise nach Peltuschki‘ sehr zu empfehlen …

  7. Gewiss war die Frau hochgradig alkoholisiert, worauf bereits ihr Gebaren und im weiteren eine Atemluftprobe mit einem sog. Alkoholvortestgerät den Verdacht nahelegten. Aber eben mitnichten in jenem aberwitzig hohen Promillegrad, wie der oben monierte Zeitungsartikel weismachen will (der im übrigen nicht zu blödsinnig war, um von der überregionalen Abschreib-Journaille unverzüglich weiterkolportiert zu werden). Messungen der Alkoholkonzentration in mg/l Atem­luft an einem Alkomaten (nicht “Alkometer“, wie in dem Artikel genannt, das sind vielmehr irgendwelche Jux-Apps fürs Smartphone) können bekanntlich etwa nach dem Verzehr von Likörpralinen oder Gurgeln mit alkoholhaltigen Arzneien kurzfristig exorbitante Abweichungen vom tatsächlichen Alkoholi­sierungs­grad (= Promille/l Blutalkoholgehalt) ergeben, welcher sich zuverlässig nur durch einen Blutabnahmetest ermitteln lässt. Mit Sicherheit sagen lässt sich, dass bestimmt niemand “mit 6,44 Promille Alkohol im Körper“ durch den Erfurter Bahnhofstunnel getorkelt ist.

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