18. November

Heute vor 100 Jahren, am 18. November 1911, erblickte der Grubenhund das Licht der Öf­­fentlichkeit. Damals veröffentlichte die “Neue Freie Presse“, das führende Nachrichtenblatt der Habsburgermonarchie, eine Leserzuschrift des Wiener Ingenieurs Arthur W. Schütz, wo­­rin sich dieser unter dem Pseudonym “Dr. Ing. Erich Ritter v. Winkler, Assistent der Zentral­­versuchsanstalt der Ostrau-Karwiner Kohlenbergwerke“ in gleichermaßen hochtrabendem wie haarsträubendem pseudowissenschaftlichen Nonsens über ein unbedeutendes lokales Erd­beben in Mährisch-Ostrau ausließ, welches zuvor in der Berichterstattung übertrie­ben auf­gebauscht worden war:

      »Ich saß allein im Kompressorenraum, als – es war genau 10 Uhr 27 Minuten – der große 400pferdekräftige Kompressor, der den Elektromotor für die Dampfüberhitzer speist, eine auffällige Varietät der Spannung aufzuweisen begann. Da diese Erscheinung oft mit seismischen Störungen zusammenhängt, so kuppelte ich sofort den Zentrifugal­­regulator aus und konnte neben zwei deutlich wahrnehmbaren Longitudinalstößen ei­nen heftigen Ausschlag (0∙4 Prozent) an der rechten Keilnut konstatieren. [..]
      Völlig unerklärlich ist jedoch die Erscheinung, daß mein im Laboratorium schlafen­­der  G r u b e n h u n d  schon eine halbe Stunde vor Beginn des Bebens auffallende Zei­­chen größter Unruhe gab.«

Als Urheber dieses Stückes wurde fälschlicherweise Karl Kraus verdächtigt, weil der bereits drei Jahre zuvor die “Neue Freie Presse“ ebenfalls mit einem Leserbrief zu einem Be­richt über ein Erdbeben vorgeführt hatte, indem er unter dem Pseudonym “Zivilingenieur J. Ber­dach aus der Glockengasse“ (seiner Privatadresse) ebensolchen offensichtlichen plumpen Nonsens wie »Varia­­bilität der Eindrucksdichtigkeit« oder »tellurische Erdbeben, die im Ne­benzimmer nicht bemerkt werden« u.ä. einher­fa­bulierte, welcher nichtsdes­totrotz prompt ver­­öffentlicht wurde. Kraus war es indessen, der dem Grubenhund des Ing. Schütz in ei­nem sati­­rischen Artikel in seiner Zeitschrift “Die Fackel“ als Bezeichnung für solcherlei Zei­tungs­en­ten zur Popularität verhalf.
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Kollege Trithemius bringt in seinem Teestübchen eine launige Bildergeschichte über einen “Grubenhund“ zur Darbietung.

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