Definieren Sie den Begriff »drehen«

Dass sich Planeten für gewöhnlich drehen und dabei zugleich um eine Sonne kreisen, ist be­kannt. Um diesen bekannten Sachverhalt in einem wissenschaftlichen Artikel derart ver­dreht darzustellen, dass sich der Leser beim besten Willen nimmer aus­kennt, muss sich einer schon extra anstrengen – z.B. auf  science.ORF.at:

»Normalerweise drehen sich Planeten immer in dieselbe Richtung wie ihre Sonne.«
    »In unserem Planetensystem ist das etwa ohne Ausnahme der Fall ..«

Das ist natürlich Blödsinn und mitnichten der Fall: so dreht sich als Ausnahme etwa die Venus in der Gegenrichtung, oder Uranus um eine Achse parallel zu seinem Orbit, also quasi im rechten Winkel zur Sonne.

»Regelwidriges Rotieren
.. doch die sogenannten Heißen Jupiter widersetzen sich offenbar dieser Regel.«
    »Triaud und seine Kollegen hatten [..] entdeckt, dass sich einige Heiße Jupiter in die falsche Richtung drehen, also gegen die Rotationsrichtung des Muttersterns.«

Das ist natürlich ebenfalls Blödsinn, die sogenannten Heißen Jupiter sind Exoplaneten und von unserem Sonnensystem viel zu weit entfernt, als dass ein Mensch entdecken könnte in welche Richtung die sich drehen.
(Dem Leser, welcher sich die Mühe antut aus dem Artikeltext herauszufinden was der Blöd­sinn zu bedeuten hat, erhellt sich schließlich: mit »der Planet dreht sich« soll wohl gemeint sein, der »kreist um seine Sonne«. Darauf muss einer erstmal kommen. Ein Auto kann im Kreis fahren, z.B. im Kreisverkehr. Und ein Auto kann sich drehen, z.B. auf Glatteis. Aber: »In England drehen sich die Autos regelwidrig im Kreisverkehr«  würde sich wohl ebenso un­sinnig anhören.)
───────────────────────────────────────────
(für Kollegen Steppenhund, der über solchen
Blödsinn bekanntlich immer viel Freude hat ; )

9 Kommentare

  1. Ich hab das gelesen. Ja, und ich habe mich amüsiert, obwohl ich gestehen muss, dass mir die Pointe entgangen war. Ich habe es nur einfach nicht geglaubt. Ich fand nur den Spruch „…widersetzten sich offenbar dieser Regel“ als derart blöd formuliert, dass ich die Meldung als Füllstoff klassifizierte.
    Etwas interessanter ist da schon der Unterschied zwischen rechtsdrehendem und linksdrehendem Zucker, wovon uns der erste dick macht, der letztere aber nur synthetisch hergestellt werden müsste. Da habe ich in Foren schon gelesen, dass sich die Leute vorgestellt haben, dass sich die Moleküle drehen.
    (In Wirklichkeit geht es um die Verdrehung von polarisiertem Licht, dessen Schwingungsebene einmal nach rechts und einmal nach links verdreht wird.
    Aber ich frage mich ja, für wen der Artikel in Wirklichkeit beabsichtigt war?

    Ich hätte für heiße Jupiter noch ganz andere Interpretationen vorrätig:)

  2. Wahrscheinlich hat er nur einen Punkt vergessen und es soll heissen:
    „Normalerweise drehen sich Planeten immer in dieselbe Richtung. Wie ihre Sonne.“

  3. also wenn schon besserwiss:

    gekreist wird hier gar nix
    und auch nicht um die sonne.

    planeten drehen auf elipsoiden bahnen um den masseschwerpunkt ihres sonnensystems.

  4. Wirklich ein schönes Beispiel, wie Wissenschaftsjournalismus nicht geht! :-)

    In einem Punkt aber schießt die Kritik übers Ziel hinaus: Man kann tatsächlich, auch ohne den Exoplaneten sehen zu können, feststellen, wie der Umlaufsinn des Planeten um den Stern relativ zum Drehsinn des Sterns um sich selbst orientiert ist. Zumindest wenn der Planet von der Erde aus gesehen vor dem Stern vorüber zieht, geht das.
    Der Trick liegt in der Tatsache, daß die Drehung des Sterns dazu führt, das Licht von verschiedenen Teilen der Stern“oberfläche“ in der Wellenlänge leicht verschoben ist. Licht, das von der von der Erde wegdrehenden Oberfläche kommt, ist leicht zu längeren Wellenlängen verschoben, Licht, das von dem auf die Erde zudrehenden Oberflächenteil kommt, zu kürzeren Wellenlängen hin. Und wenn der Planet den Stern im gleichen Sinn umkreist, wie der Stern rotiert, dann verdunkelt er erst den auf die Erde zudrehenden Teil der Sternoberfläche, rotiert er entgegengesetzt, dann erst den wegdrehenden Teil. Und dieser Effekt äußert sich in einer kleinen, aber meßbaren, drehsinnabhängigen „Anomalie“ der Rotverschiebung von Spektrallinien des Sterns:
    http://en.wikipedia.org/wiki/Rossiter–McLaughlin_effect
    Und so kann man den Umlaufsinn des Planeten mit dem Drehsinn seines Heimatsterns vergleichen, auch wenn man nicht weiß, wie herum beide sich „absolut“ drehen.

  5. Schon klar, aber kritisiert wird dass der Exoplanet ja nicht sich gegen die Rota­tions­rich­tung seines Heimatsterns dreht, wie es im Artikeltext steht, sondern gegenläufig um diesen kreist. Weil der Text damit was ganz anderes suggeriert, als in Wirklichkeit gemeint ist – was der Leser aber selber erst herausfinden muss. Als Textkritik gemeint, nicht als Sachkritik.

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