Es gilt die Unschuldsvermutung

Dass einer, solang er von einem ordentlichen Gericht für seine Tat nicht rechtskräftig ver­ur­teilt wurde, als “mutmaßlicher“ Täter zu gelten hat, ist seinem Grundrecht auf Un­schulds­ver­mutung geschuldet und hinlänglich bekannt.
Dass in der Zeitung viel Blödsinn steht, ebenfalls. Würde der Leser jedesmal, wenn er das Attribut “mutmaßlich“ in blödsinnigem Zusammenhang liest, einen Euro dafür kriegen, käme bald eine hübsche Summe zusammen:

»Unbekannte legten Absperrgitter auf Gleiskörper: Die Fahndung nach den mutmaßlichen Tätern ist im Laufen.«

Mutmaßlich würde genügen, nach den tatsächlichen Tätern zu fahnden:
mutmaßlich sind die mit den Unbekannten sogar identisch.

»19-Jähriger in Kölner Innenstadt erstochen:
Der mutmaßliche Täter ist unbekannt und auf freiem Fuß.«

Mutmaßlich hat sich der 19-Jährige nicht selber erstochen.
Dann wäre der Täter ja bekannt.

»Die russische Polizei hat die Leiche eines vermissten Lokalpolitikers gefunden – in einem Zementfass. [..] Ein Motiv für die mutmaßliche Tötung des Politikers ist bislang nicht bekannt.«

Mutmaßlich ging dem Einzementieren der Leiche eine Tötung voraus.

» Die unter Reisig versteckte Leiche [..] weist einen Kopfschuss auf. Das mut­maß­li­che Mord­opfer könnte ein 41-jähriger Autohändler aus Salzburg sein.«

Mutmaßlich kein Selbstmordopfer.

»Täter wurde bei Diebstahl gefilmt
Der mutmaßliche Tatverdächtige wurde bei der Tatausführung gefilmt.«

Bei der mutmaßlichen Tatausführung gefilmt? Hitverdächtig.

»Kastriert und zu Tode geprügelt wurde der Fernsehstar C. [..] in New York gefunden. Augenzeugen zufolge soll es vor der mutmaßlichen Tat zu einer Auseinandersetzung zwischen C. und seiner Begleitung gekommen sein.«

Wenn nicht durch höhere Gewalt geschah, was Herrn C. widerfuhr,
wirds wohl durch eine Tat geschehen sein, wie sich mutmaßen lässt.

»Der mutmaßliche Wagen des Täters wird von einem Parkplatz abgeschleppt.«

Für den Wagen des mutmaßlichen Täters gilt die Unschuldsvermutung.

Und sollte jemand mutmaßen, ein Satz wie »Fest steht die Vermutung, dass einer seine Toch­ter bedroht hat. Es gilt die Unschuldsvermutung, dass er sie nicht bedroht hat.« wäre zu un­sinnig, um in einer Zeitung zu stehen, dann irrt der:

»Fest steht, dass der Vater seine Tochter bereits am 8. Dezember des Vorjahres bedroht haben soll (es gilt die Unschuldsvermutung).«

Es gilt die Unsinnsvermutung.

12 Kommentare

  1. Das Wort „mutmasslich“ wird verwendet, wenn der Autor des Artikels keine sichere Quelle (gefunden) hat. Wenn dieses Wort in einem Presseartikel erscheint, bedeutet es quasi, dass der Artikel (mutmasslich) eine Ente ist.

    Man könnte sagen, es handelt sich hier um einen Geheimcode. ;-)

  2. Bedarf es eigentlich eher einer Masse Mut für derartigen Mutmaßungsunfug, oder ist es angemessener, beim so schreibenden, mutmaßlich dezent unterbelichteten, Journalisten ein gerüttet Maß an Unbedarftheit zu mutmaßen?

  3. Betr.: Unmut
    Wenn ich in der Zeitung solchen Unfug zu lesen bekomme, ruft das stets meinen Unmut hervor – d.h.: für den Zeitungsredakteur gilt die Unmutsverschuldung.

  4. Also, irgendwer hat den Kopf abgetrennt. Fragt sich, ob es der Spazierenträger war, oder ob der den Kopf von einem Kopfabtrenner (der psychisch gestört sein kann aber nicht muss) oder Abgetrennteköpfezwischenhändler bezogen hat. Bis das geklärt ist, kann der Spazierenträger nur mutmaßlicher Täter sein und außerdem psychisch gestört oder nicht.


  5. (SPIEGEL)
    (Mutmaßlich ist der Betonpflasterstein nicht von selber mehrere Hundert Meter
    zu der Brücke spaziert und über das Geländer auf die Fahrbahn gesprungen: mutmaßlich wars also die Tat keines “mutmaßlichen Täters“, sondern die eines tatsächlichen Täters.)

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