5. Dezember

Heute vor 85 Jahren wurde mein Vater geboren, in Haida bei Reichenberg/Deutsch­böhmen (heute Liberecký kraj/CZ), leider starb er früh. Als 17-jähriger wurde er ein­gezogen, geriet in italienische Gefangenschaft, nach Kriegsende war eine Rückkehr in die Heimat nimmer mög­lich. Familienfotos zeigen ihn gleichgroß wie meine Brüder und mich, alle um die 1,80. In sei­nem Wehrpass stand aber, als er dazumals ein­rückte: Größe 1,70 – ein Halbwüchsiger noch, der in den Krieg ziehen musste und erst als Erwachsener wie­der­kam, wie viele damals. Als Staatenloser, und heimatlos.
Ich habe eine Messing-Armbanduhr von ihm geerbt, die er anno sei­ner­zeit von seiner Auto-Haftpflichtversicherung für fünfzehn Jahre unfallfreies Fahren gekriegt hatte, und einen Rasier­pinsel. Den Rasier­pinsel verwende ich noch immer, er schaut nimmer ganz neu aus, aber funktioniert noch tadellos.

7 Kommentare

  1. klingt so ein bisschen wie die geschichte auch meines vaters. schön, das mit dem rasierpinsel und der unfallfrei-uhr. heute kriegt man ja nix mehr für sowas.

  2. es ist wunderbar, dass die eltern in der erinnerung weiterleben, und dass man diese erinnerungen auch manchmal „rauslassen“ kann. den wahren wert der eltern erkennt man leider meistens erst zu spät.
    wie gut, dass es rasierpinsel und messing-armbanduhren gibt.

  3. Ich finde es schön, dass Sie den Rasierpinsel noch im Einsatz haben. Um ihn noch länger nutzen zu können, sollte er jedoch im Kopfstand gelagert werden, d.h. die Dachshaare sollten nach unten schauen, sonst quillt der Dachshaarbund auf und sprengt den Stössel.

  4. Danke für die Erläuterung, das habe ich nicht gewusst. Tatsächlich hat der Stössel seit Jahrzehnten einen Haarriss, werde ihn zukünftig jedenfalls gemäß Ihrer Empfehlung hängend aufbewahren, damit der nicht noch größer wird und womöglich zerspringt.

  5. Eine schöne Würdigung Ihres Vaters schreiben Sie hier, und der in Ehren gehaltene Rasierpinsel vervollständigt das Bild. Blieb Ihr Vater nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft staatenlos oder wurde er automatisch Ösaterreicher?

  6. Danke für Ihren Zuspruch. Die Kommentare zu dem Text von Kollegin Jaelle Katz erinnerten mich wieder an diesen Eintrag (von 2010).

    Leider weiß ich über die frühen Jahre meines Vaters nur wenig, manches davon auch erst aus Erzählungen meiner Mutter spät nach seinem Tod. Als Sudetendeutscher wurde er wegen Mittellosigkeit der Familie (er wuchs vaterlos auf) mutterseelenallein als 14-jähriges Büblein zu entfernten Verwandten nach Österreich verschickt, wo er eine Lehre antrat und noch als Lehrling einrücken musste. Während seiner Gefangenschaft fand die Ver­treibung der Sudetendeutschen statt, und seine Mutter und Schwester hatten unter­dessen Zuflucht im Rheinland bei anderen Verwandten gefunden. Mein Vater aber kehrte aus der Gefangenschaft wieder nach Österreich an seine Lehrstelle zurück, wo er erst als Volljähriger (damals mit 21 Jahren) eingebürgert wurde.

    (Aber wissen Sie, was ich an der Geschichte meines Vaters am bewegendsten finde: dass er nämlich trotz all der bitteren frühen Erfahrungen – Notlage in der Kindheit, als Halbwüchsiger familienlos fern der Heimat auf sich alleingestellt, freudlose Jugend in Krieg & Gefangenschaft dahingebracht – ein lebensfroher, leutseliger und beliebter, herzlicher und humorvoller Mensch war, ohne Spur von Verbitterung. Mit großem Freundeskreis und ungemein ausgeprägtem Familiensinn.) (Und mit Schmäh & Charme überdies ;)

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