Spezialisten

War früher mal Rettungsfahrer, hab’s selber erlebt: Notarzt wird gerufen, Mann hat rasende Schmerzen im Ohr, irgendein Insekt reingeflogen, Frau befürchtet dass er ihr vor Schmerzen überschnappt, wir hin. Als wir eintreffen ist der Mann tatsächlich knapp daran den Verstand zu verlieren, liegt in der Küche und strampelt mit allen Vieren und ballert den Kopf gegen den Fußboden, surreale Szene. (mir ist selber mal ein Käfer ins Ohr geraten, ich kenn die Art Schmerz: wenn dir so ein Tierchen am Trommelfell herumgeistert, man wird halb wahnsinnig. Hab damals auch vor lauter Nimmer-wissen-was-tun mit dem Kopf wo dagegen geballert, dadurch fiel der Käfer raus. Augenblicklich war der Schmerz weg.) Jetzt wir Spe­zi­alisten: zwei ausgebildete Sanitäter plus ein Notarzt, akademischer Mediziner, wir knien auf dem Patienten und fixieren seine Arme, Beine, Kopf um ihn ruhigzustellen, Notarzt linst ihm mit einem Okular ins Ohr und diagnostiziert Insektengeflatter darin, klaubt eine Pinzette aus seinem Notarztkoffer hervor und beginnt in dem Ohr herumzupfriemeln um flattern­des In­sekt zur Kapitulation zu bewegen, Insekt flattert unverdrossen weiter & Patient tobt umso hef­tiger, Operation erfolglos.
Neben der Frau in der Küche ein weiterer Zeuge der Szene, der Sohn der beiden, Finger in der Nase, Rotz läuft ihm raus. Irgendwann fragt der Junge:
»Warum leeren die dem Papa kein Wasser ins Ohr, damit das Tier ertrinkt.«
Stille. Eine Sekunde. Zwei. Die drei Spezialisten schauen dumm aus der Wäsche. Dann ver­langt der Notarzt nach Wasser, kriegts und flößt es dem Patienten ins Ohr: das wars dann, aus­ge­flattert – Patient ist von einer Sekunde zur nächsten schmerzbefreit. Das abgesoffene Insekt lässt sich abschließend mühelos mit der Pinzette aus seinem Ohr entfernen.
Der Junge war etwa sieben, acht Jahre alt.

5 Kommentare

  1. Man sieht, wie oder wo sich Weisheit versteckt halten kann. Oder mit Volkes Mund sprechend: Kinder und Narren sagen die Wahrheit.
    Find‘ ich ja echt stark deinen Bericht. Kann mir’s aber sehr gut vorstellen, die Szene, nachdem ich auch mal beim Roten Kreuz Dienst schob, damals beim Zivildienst.
    Ausserdem ist mir das mit dem surrenden Insekt im Ohr selber auch einmal passiert, hier auf den Philippinen. Zum Glück wusste ich mich zum Zeitpunkt, als der Fliegerich in mein Flieger-Inneres hineinwuschte, in besten Händen, bei einem Besuch beim Nachbarn, der auf mich und mein Ohr sofort seine Katze ansetzte, um das Ding hervor- und herauszumassieren. Da das aber nicht gleich von Erfolg war, erinnere ich mich, dass ich auch, ähnlich wie auch bei dir, mir selber einen Schlag gegen den Kopf versetzte so, dass das liebe Biesterchen herausgeschlagen wurde, und daraufhin leicht betäubt davonflatterte.

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