In 30 Tagen um die Welt, 21. Tag

..  Kaffeepause in Záhony.
Weil grad alle über die Hitze raunzen, erzähl ich euch zur Abkühlung mal eine Wintergeschichte – ist mir wirklich passiert, bin damals als Fernfahrer für eine Liechtensteiner Spedition gefahren:

Winter in der Nähe von Záhony an der ungarisch-ukrainischen Grenze, fünf Uhr morgens:
tiefste Tundra, finster wie hinterm Mond, knietiefe Schneeverwehungen, ich denk mir: weit werd ich ohne Schneeketten nimmer kommen, sonst bleib ich an der nächsten Steigung hängen – mach ichs gleich hier oder soll ich noch paar Kilometer riskieren? – Ach, ich machs gleich, irgendwann muss es ja sowieso sein. Also stopp, Warnblinker ein, raus aus den Pan­toffeln, rein in die Stiefel, Kragen aufgestellt und raus in die garstige Winternacht. Auf­lie­ger absatteln, Schneeketten aufziehen, halbe Stunde Herumgewurstel im Stockfinstern bei Wind­stärke sonstwas im knietiefen Schnee mit blaugefrorener Nase – endlich fertig!, wieder auf­satteln und rein ins gemütlich warme Fahrerhaus, bingo. Jetzt ist es Zeit für einen Kaffee, ehr­lich verdient!, ich werf die Espressomaschine an und mach mir eine große Tasse voll be­vors weitergeht.
Als ich meinen Kaffee trinke, kommt von hinten ein Traktor einher und treckert vorbei. Ich fahr wieder los, mit den Schneeketten läufts jetzt prima – aber:  keine 200 Meter weiter liegt ein mordstrumm Baum quer über der Straße – der Traktor ist weg, muss der Sch***baum also unmittelbar vorher umgefallen sein, zwischen mir und dem Traktor! Grad als ich mit meinem Kaffee herumgetrödelt hab. Es dauert den halben Vormittag, bis die den Baum weggeschafft haben, ich koch mir einstweilen noch zwei, drei Tässchen Kaffee und schau den Straßen­ar­bei­tern zu wie sie mit ihren Kettensägen draußen im Tiefschnee herumstapfen. Endlich ist der Baum von der Straße, Fahrt kann weitergehen.
Und: akkurat hinter der nächsten Kurve hats eine Tankstelle, mitten in der Pampas! Mit Be­leuchtung und überdachtem, schneefreien Platz – wär ich paar hundert Meter weiter ge­fah­ren, hätt ich die idealste aller Stellen zum Schneekettenaufziehen zwischen Berch­tes­ga­den und Novosibirsk vor der Nase gehabt und den Baum hinter mir – na ja, was soll’s.
So war das, Leute, tatsächlich passiert – drum wollt ichs euch erzählen, danke fürs zuhören.
(Ah ja, noch was: zwei Tage später, wieder in Österreich, sagt einer zu mir – weil ich liech­ten­steinische Kennzeichen habe (FL) – »Du musst an das Schneewetter ja eh gewöhnt sein, weil du aus FINNLAND bist!« :)

6 Kommentare

  1. Tja, so kanns gehen… da fragt man sich schon oft, wozu solche Fehlleistungen gut sind. Vielleicht hattest du die Pause ja dringend nötig!? Oder vielleicht wär dir der Baum auf den Kopf respektive das Fahrerhaus gefallen? Man weiß es nicht.

    Dafür weiß man die mitteleuropäische Beschilderungswut gleich viel mehr zu schätzen, was? Kettenanlegeplatz 250m. Mit Bild :)

  2. Ich will jetzt weder protzen noch die schöne (dankedankedanke!) Winterkälte zerstören, die da so zart zu mir herüberwabert, aber ich hab schon einmal tatkräftig mitgeholfen, einen LKW in der Sahara auszugraben, als der auf einer Sanddüne aufsaß. (Einmal? Mehrmals!)

    Bin ich jetzt cool (!) oder was? :-)

  3. Irgendwer legt sich immer quer. Wär’s nicht Freund Baum gewesen, dann hätte sich an der Tankstelle ein streitsüchtiger Zeitgenosse, eine mürrische Kassiererin, ein schikanöser Behördenvertreter et al. gefunden.
    Freilich, der Liechtensteiner an sich neigt nicht zum Verzagen: „Für Fürst und Vaterland“.

  4. @ dieJulia
    Cool :) (schade, dass du nicht mit warst. Hätt ichs dich machen lassen und hätt selber nicht aussteigen müssen :)

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