In 30 Tagen um die Welt, 3. Tag

.. von Neulengbach nach Kirchstetten

Weiter geht es westwärts, nächster Halt Kirchstetten, zwei große Dichterkollegen lebten hier: Josef Weinheber und der Anglo­ameri­kaner W.H. Auden, man kennt die Herren. Auden aus »Vier Hoch­zeiten und ein Todesfall«, und Weinheber weil er so komisch heißt. Beide sprachen mit ex­zes­siver Vorliebe dem Alkohol zu und betranken sich stets beim Kirchstettener Kirchenwirt, Dichter müssen trinken, wegen der Inspiration. Herr Weinheber trank besonders reichlich, nomen est omen – wofür er von seinen Zeitgenossen den Bei­namen »Heurigen­hölderlin« ver­liehen kriegte.
Was Herrn Auden ausgerechnet nach Kirchstetten verschlagen hat, weiß niemand – vielleicht hat der ja bloß wieder mal Austria mit Australien verwechselt, die übliche Geschichte, man kennt das ja. Herrn Audens Grabstätte auf dem Kirchstettener Fried­hof ist beliebtes Ziel für Kondolenzbesuche zahlreicher Pilger, darunter gelegentlich welche, die wiederum Paris mit Kirch­stetten verwechselt haben, was ebenfalls schon mal vorkommen kann, und mit an­däch­ti­ger Ergriffenheit und mitgeführten Wanderklampfen Doors-Songs am Grabe into­nieren in der irrigen Annahme, J. Morrison läge hier anstelle W.H. Auden. Die Kirch­stettener wundert das längst nimmer.

(Mein Kollege K. möchte übrigens auch gern ein großer Dichter werden, verriet er mir: Dichter zu sein, sagt er, stelle er sich toll vor weil er als solcher morgens nimmer zur Arbeit zu gehen braucht. Dem Dichter sei gestattet, sich an sein Dichterpult zu verfügen, wann immer ihm dies konveniere, und zweitens wären des Dichters Fingernägel niemals schmutzig, gleichwohl seine Phantasie, und drittens und viertens undsoweiter.

Von dem Dichter Josef Weinheber wird überliefert, dass der nie mehr und nie weniger als elf Zeilen am Tag geschrieben habe. Nicht zehn, nicht zwölf, sondern exakt elf. Logisch war der oft schon vor dem Mittagessen mit seinem Pensum fertig und hat den Rest vom Tag frei und kann sonstwas anstellen, der Muße frönen oder mit Spezi Auden beim Frühschoppen beim Kir­chen­wirt abhängen oder werweißwas noch alles.
Aber: arg viel Geld wird er mit seiner Elf-Zeilen-Nummer halt nicht verdient haben, ver­mut­lich war der mit seinem Konto eh permanent im Keller und hat Katzenfutter ge­spach­telt und seiner alten Mutter jeden Ersten ihre Rente abgeschnorrt.

Ich an Kollege K.s Stelle würde mir das mit dem Dichten lieber nochmal überlegen. Da gibts diese Geschichte, wo der arme Dichter seinen Verleger fragt, wie man durch Schreiben rasch zu viel Geld kommen könne. Und der Verleger gibt ihm den guten Rat, wer mit Schreiben rasch zu viel Geld kommen will, der schreibe: Erpresserbriefe.)

Westlich hinter Kirchstetten erhebt sich die Skyline von St. Pölten über den Horizont, be­ein­druckend:

9 Kommentare

  1. Kirchstetten Deine Reise setzt sich in für mich unbekanntes Gebiet weiter fort und ich genieße die Unterhaltung ebenso wie das langsame Auffüllen meiner Bildungslücken. Dein Herr K. ist wundervoll. Gibt es den wirklich, den Herrn Dichter?
    Die Skyline ist übrigens wirklich beeindruckend… ;-)) Kaum zu glauben, dass das St. Pölten ist.

  2. Es bleibt zu befürchten … dass es Provinzpolitiker gibt, die aus St. Pölten ein dem obigen Foto sehr ähnliches St. Blödsinn machen würden, wenn sie könnten …

  3. Danke für deinen Beifall. Den Kollegen K. gibts wirklich, er hat eine Stirnglatze, eine 1100er-BMW mit Breitstrahlern und einen Hang zu etwas eigenwilliger Lyrik ;)

  4. Ja, leider gebiert der St. Blödsinner Provinzionalismus allerhand, was weder nützt noch ziert, zum Krennreiben gewissermaßen ..

  5. Einmal im Radio Dem Mutigen bangt selten,
    Warum bangt dir vor St. Pölten?

    Ich weiß nicht mehr, welcher Sprecher das einmal gesagt hat, er musste daraufhin den Dinst quittieren.

    Die 11 Zeilen Weinhebers find ich großartig. Hab das erste Mal darüber gelesen.

  6. Stirnglatze habe ich keine, mit Verlaub, ich habe einen hochliegenden Haupthaaransatz. Die übrigen Angaben treffen zu.
    Kollegialer Gruß, K.

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